Imagesorgen im Elfenbeinturm

2. Jänner 2004, 22:15
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"Wohlwollendes Desinteresse" zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit

Ein im weißen Mantel hoch explosive Experimente durchführender Chemiker, ein Philosoph, der statt Zucker Salz in den Kaffee streut und schließlich der im Bürokratendschungel kläglich scheiternde Studierende: Wissenschaft - insbesondere Geisteswissenschaften - leidet nach wie vor unter ihrem schlechten Image: altmodisch, starr, überladen - und seit geraumer Zeit in permanenter Geldnot. Das einschlägige Bild, das die breite Öffentlichkeit sich vom Wissenschaftsbetrieb macht, hält sich auch in Zeiten autonomer Universitäten hartnäckig an althergebrachte Klischees.

"Auf beiden Seiten herrscht wohlwollendes Desinteresse", das zumeist nur mit bloßen Lippenbekenntnissen einhergehe, definiert Ada Pellert vom Institut für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Ein grundsätzliches Dilemma, meint die Hochschulforscherin, denn: "In der Wissenschaft werden Tiefe, Genauigkeit und kleine Ausschnitte des Wissens belohnt, während in der öffentlichen Vermittlung die Breite wichtig ist." Spezialisierung von Wissen stehe dessen Integration gegenüber, und die würde intern selten goutiert.

Verachtete Volksnähe

Darüber hinaus sieht Pellert ein kulturelles Problem: Im deutschsprachigen Raum falle es Wissenschaftern besonders schwer, Themen verständlich zu machen. Durch verschlüsselte Sprache und bisweilen seltsam definierte Ehrenkodizes würden sich - im Gegensatz zum angelsächsischen Bereich - Forscher im Elfenbeinturm einschließen. Jene, die sich volksnah geben, TV-Experten etwa, ernten für ihre Auskunftstätigkeit oft nur Verachtung.

Pellert glaubt weiters, dass die Unireform schuld sei am schlechten Image von Unis und Wissenschaften: Inhaltliche Belange kämen in den Medien in Zeiten der Reorganisation eindeutig zu kurz. Dabei sei das Interesse an wissenschaftlichen Themen so groß wie nie, meint die Hochschulforscherin: "Wenn sich Wissenschaft allgemein verständlich mit inhaltlichen Beiträgen meldet, findet das immer großen Zuspruch." Egal, ob Wiener Wissenschaftstage, Wiener Vorlesungen, Scienceweek, Tage der offenen Tür an Universitäten oder Campusführungen: Ein allgemein verständlicher Vortrag, aus einem breiter gefassten Fachgebiet werde vom Publikum stets angenommen. Sogar scheinbar veraltete Vermittlungsformen wie die klassische Vorlesung kämen gut an.

Pellert zweifelt aber bei allem Optimismus an der Nachhaltigkeit von Wissenschafts-PR, wenn diese ohne mediale Unterstützung erfolge, und erteilt in dem Zusammenhang dem ORF eine Rüge: "Für die Naturwissenschaften gibt es unzählige Fernsehsendungen, die Geisteswissenschaften stehen da völlig daneben." (DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2003)

Von Doris Priesching
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