Weggelegt statt hingeschaut

15. Oktober 2003, 22:48
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Die jüngsten und nach Meinung der Spitalsleitung "völlig inakzeptablen Vorwürfe gegen die AKH-Kinderabteilung" aus Sicht einer Betroffenen - Ein Kommentar der anderen von Andrea Schurian

Was sind uns die Alten wert? Und was die Kinder? Beide offenbar erschütternd wenig. Mit einem wesentlichen Unterschied: Das Alter - und somit das Schreckensgespenst eines Geriatriezentrums - haben wir noch vor uns. Deshalb viel Aufregung, großer Skandal und (hoffentlich) baldige Besserung dem System. Die Kindheit aber liegt hinter uns - und da ist ja bekanntlich die Sintflut. Kinder, vor allem kranke Kinder, haben keine Lobby.

Also: Wertedebatte. Danke für die Anregung, Frau Ministerin. Kinder sollen her, möglichst viele, möglichst jetzt, aber bitte, verehrte Eltern: gesund sollen sie sein, die lieben Kleinen. Sonst sind sie nämlich nicht lieb. Nur teuer.

Spitalsbetten in den Kinderkliniken werden reduziert, es gibt zu wenig Pflegepersonal, die medizinische Versorgung der Kinder wird krankgespart. Sagt der Präsident der österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde, Univ.-Prof. Wilhelm Müller (STANDARD, 1. 10.). Das beklagt auch ein Dutzend renommierter Universitätsprofessoren, Primar- und Fachärzte in dem Buch "Weggelegt: Kinder ohne Medizin". So weit, so einig. Aber damit hat sich's auch schon. Der Präsident lehnt das Buch und "solch böses Spiel mit Zahlen ab. Denn das Resultat ist eine Verunsicherung der Mütter."

Einmal ganz abgesehen davon, dass es auch Väter geben soll, denen die Gesundheit der Kinder am Herzen liegt: Wäre "totschweigen" (und zwar im wahrsten Sinn des Wortes) die bessere Alternative zur Wahrheit? Muss künftig auch über Pflegemissstände im Geriatriebereich geschwiegen werden, um Patienten und Angehörige nicht zu verunsichern? Nein, nicht das Buch ist ein Skandal, sondern das, was darin beschrieben wird.

Es macht uns Eltern weder glücklich noch sicher, wenn die fatalen Folgen dieser sparefrohen Medizin unter einer Decke des Schweigens verschwinden. Wenigstens wissen wir jetzt, dass unser subjektives Gefühl objektiv richtig ist: Unsere Kinder bekommen nicht immer die medizinische Betreuung, die sie verdienen würden - die beste. Es handelt sich hier nicht um ein böses Spiel mit Zahlen. Böse sind die Zahlen. Und es ist kein Spiel, sondern bitterer Ernst.

Ich bin eine verunsicherte Mutter. Verunsichert hat mich allerdings nicht dieses Buch - ganz im Gegenteil. Verunsichert hat mich, dass es so lange gebraucht hat, bis engagierte Ärzte den so nötigen Tabubruch begangen haben. Sie beklagen regionale medizinische Unterversorgung, mangelnde Ausbildung, drastische Sparmaßnahmen im heilpädagogischen Bereich, jahrelange Odysseen verzweifelter Eltern auf der Suche nach Diagnose und Hilfe.

Ein Kapitel hat besonders viel Wirbel ausgelöst: An die 80 herzkranke Kinder seien gestorben, heißt es darin, weil sie im Osten, sprich: in Wien, und nicht im Westen, sprich: in Linz, operiert wurden. Wären Sie als Eltern nicht dankbar für diese Information? Weil Sie künftig nicht die nächstbeste, sondern die beste Behandlung für Ihr Kind wählen könnten. Und Ihr Kind eine weitaus höhere Überlebenschance hätte.

Vor fast sieben Jahren kam unser Sohn im Wiener AKH mit einem komplexen Herzfehler auf die Welt. Wir fragten nach Chancen, Risiken, Sterblichkeitsrate, Lebensperspektiven, Aussichten, Absichten, optimalem Zeitpunkt für eine Operation - wann, wie, wo? Die Antworten blieben vage oder ganz aus. Aber Nichtwissen macht Angst. Warum wohl gab es keine OP-Statistiken der AKH-Kinderherzklinik? Das ist der Skandal. Und das verunsichert - nicht das Buch, in dem die Zahlen nun erstmals publik gemacht wurden.

Kranke Strukturen

Ich bin Journalistin. Recherchieren ist mein Job. Also machten wir uns kundig, suchten Kardiologen und Herzzentren auf in Italien, Deutschland, im globalen Dorf. Hier erfuhren wir, was wir zwar nicht gern hören, aber dennoch wissen wollten: Wien hinkt internationalen (auch Linzer!) Standards hinten nach. Weltweit korrigiert man kranke Kinderherzen ehestmöglich. An der Wiener Universitätsklinik wartet man lieber ab. Für manche Kinder allerdings endet die Wartezeit tödlich.

Natürlich sind auch hier viele Kinder erfolgreich behandelt worden. Aber der Vergleich hat uns sicher gemacht. Wir haben unseren Sohn im Alter von vier Monaten in New York operieren lassen.

Ende gut, alles gut? Nein. Optimale medizinische Versorgung kann keine Frage des Internetzugangs und der finanziellen Hilfsbereitschaft der Freunde sein. Die Buch-autoren bieten nachhaltige Lösungsvorschläge an: bessere Aus- und Fortbildung; Subspezialisierungen im Pädiatriebereich gemäß den EU-Vorschlägen; Qualitätssicherung durch ein funktionierendes Kontrollsystem; Ausbau der psychosozialen Sparte der Kindermedizin.

Ja, dieses Buch verunsichert: und zwar die vielen engagierten Ärzte und Pfleger, die darin aufgefordert werden, krank machende Strukturen zu verändern. Nein, das Buch verunsichert nicht: Wahrheit - und sei sie noch so schmerzlich - ist Voraussetzung für eine Veränderung zum Besseren. In diesem Sinn macht das Buch Hoffnung. Bilden wir eine Lobby für unsere Kinder. Achten wir auf die Umsetzung der Forderungen: Hingeschaut statt weggelegt. (DER STANDARD; Printausgabe, 15.10.2003)

1) Hg. Franz Waldhauser, Olaf Jürgenssen, Rudolf Püspök, Ernst Tatzer. Wien 2003, Czernin Verlag

Von Andrea Schurian

Die Autorin, ehemals ORF-Präsentatorin der "Kunst-Stücke", lebt als freie Journalistin mit ihrem Mann und zwei Kindern in Wien.

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