"Botschaften aus der Vergangenheit" - Interview

2. Jänner 2004, 22:15
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Isabella Lechner sprach mit Oliver Rathkolb über die Position der Geisteswissenschaften damals und heute

STANDARD: Welchen Stellenwert haben die in Wien ehemals "starken" Geistes- und Kulturwissenschaften heute?

Rathkolb: Aus den neuen großen Forschungsförderungsperspektiven sind die Geistes-und Kulturwissenschaften momentan hinausgedrängt. Ich glaube aber, dass sie in absehbarer Zeit wieder an Bedeutung gewinnen werden, weil wir als Folge der Globalisierung in eine völlig neue Phase der gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen und kulturellen Interaktion eingetaucht sind.

STANDARD: Auch um 1900 war Wien ein Schmelztiegel der Kulturen . . .

Rathkolb: Genau das war die spezifische Qualität der Stadt: Wien war eine große Migrationsstadt, ein urbanes Zentrum für die multinationalen Komponenten der damaligen österreichisch-ungarischen Monarchie. Da gibt es interessante Parallelen zur heutigen Situation: Bereits damals bestand bereits eine erste Globalisierung, vor allem auf den Finanzmärkten und im Handel. Und wie heute war die Migrationsfrage durch starke Xenophobie-Konflikte und Rassismus belastet.

STANDARD: Wie groß war damals der Einfluss der Geisteswissenschaften?

Rathkolb: Wien lebt immer noch von den Traditionen um 1900. Ich würde es als "Botschaft aus der Vergangenheit" sehen, dass die Qualität dessen, was man heute im angloamerikanischen Raum als "Wiener Revolution" bezeichnet - etwa die Entwicklung der Psychoanalyse - aus der Interaktion zwischen der ersten technologischen Moderne und geisteswissenschaftlichen Diskursen entstand. Man kann zum Beispiel die technologische Entwicklung nach 1900 nicht wirklich verstehen, ohne sich mit der Philosophie des Wiener Kreises auseinander zu setzen.

STANDARD: Damals entstanden viele kleine Netzwerke - welche Vorteile hatte das?

Rathkolb: Viele große Leistungen der österreichischen Wissenschaftslandschaft wurden dadurch erst möglich. Durch sie konnten etwa große Philosophen wie Moritz Schlick derartig vielschichtige, innovative Denkmuster und Modelle entwickeln. Solche kleinen Netzwerke haben sich durchaus auch heute gebildet - unter der momentanen Forschungsförderungspolitik werden sie aber deutlich zurückgeschraubt. Ein rezentes Beispiel ist die Reform der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft, die mit ihrem Modell der vielen kleinen Einheiten beachtliche Forschungswirkung erzielte. Jetzt geht alles in Richtung Megazentren - ich glaube, das ist, zumindest in den Geisteswissenschaften, der falsche Weg. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2003)

Oliver Rathkolb ist Zeithistoriker, u.a. Koleiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte und Gesellschaft und wiss. Leiter des Demokratiezentrum Wien. Dozent am Wiener Institut für Zeitgeschichte. Schumpeter-Forschungsprofessur in Harvard, Gastprofessur University of Chicago.

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