Akademische Fliehkräfte in Wien

2. Jänner 2004, 22:15
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Im "roten Wien" der Zwischenkriegszeit lebte die Wissenschaftskultur von den außeruniversitären Zirkeln, die Uni war eher ein Hort der Reaktion

Unter den renommiertesten Wissenschaftsauszeichnungen und Förderungen des Landes gehen verhältnismäßig viele Titel auf Emigranten und Verfolgte zurück. Das Charlotte-Bühler-Habilitationsstipendium, das Lise-Meitner-Stipendium, der Käthe-Leichter-Preis - die Namensgeberinnen allesamt Opfer des Nationalsozialismus. Doch auch vor der Vertreibung und Verfolgung waren die meisten der heute bekannten Forscher und Forscherinnen Außenseiter der universitären Wissenschaften. "Wenn sie überhaupt an der Universität beschäftigt waren, dann haben sie dort nie die höchste Stufe erlangt", meinte der Soziologe Christian Fleck.

In der Zwischenkriegszeit

In der Zwischenkriegszeit war Wien zwar ein Zentrum der Wissenschaften. Insbesondere die Kultur- und Sozialwissenschaften wurden hier methodisch und praktisch weiterentwickelt. Zugleich blieben die Universitäten aber Hort der Reaktion, in die gerade die originellsten, kreativsten Köpfe am schwersten hineinkamen. Stattdessen bildete sich eine vage Struktur von Zirkeln und Kreisen, die zwischen verschiedenen Bereichen oszillierten: von Einrichtungen der Arbeiterkammer über die Volkshochschulen bis hin zu Vereinigungen, die ihre wissenschaftlichen Fähigkeiten kommerziell zu nutzen versuchten - etwa die "Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle" um Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld, die Marktforschung betrieb.

Gruppiert waren diese Zirkel oftmals um die wenigen, die doch eine Unianstellung erhalten hatten - wie das Psychologenehepaar Charlotte und Karl Bühler. Doch vor allem war die lebendige Wissenschaftskultur im "roten Wien" im außerakademischen Bereich angesiedelt. Wesentliche Kennzeichen der "Kaffeehaus-Wissenschaft", wie sie der Wissenschaftshistoriker Friedrich Stadler nennt, waren Enthusiasmus und Kreativität: In einem Klima, das geprägt war vom austromarxistischen Fortschrittsoptimismus und dem Ziel einer vernünftigen Planung der Gesellschaft sowie der Aufklärung der arbeitenden Klasse, wurden persönliche Karriereüberlegungen eher hintangestellt.

Förderung über internationale Kontakte

Gefördert wurden wissenschaftliche Vorhaben oft über internationale Kontakte, damals eine Besonderheit. Die berühmte "Marienthal-Studie" beispielsweise wurde von der Rockefeller-Foundation teilfinanziert. "Die Rockefeller-Foundation hat in der Zwischenkriegszeit sehr viele dieser Akademiker in prekären Verhältnissen unterstützt", erklärt Fleck. Die Vernetzung half, auf dem Stand der wissenschaftlichen Diskussion zu bleiben und Kontakte nach außen zu knüpfen.

Teutonischer Ton an den Unis

An den Universitäten herrschte hingegen ein teutonischer Ton. Schon vor dem "Anschluss" gab es Versuche, die "Außenseiter" ganz zu verdrängen. "Arierparagrafen" zur Minimierung jüdischer Studierender wurden eingefordert, schwarze Listen jüdischer und sozialistischer Hochschullehrer kursierten, unliebsame Personen wurden gewaltsam attackiert. Die Gleichschaltung der Universität Wien nach dem "Anschluss" erschien den Tätern dann wie ein letzter Kraftakt. "Wir haben eine ungeheure Arbeit zu leisten, was vor allem mit dem riesigen Personalstand der Universität zusammenhängt", klagte der neue Rektor Fitz Knoll in einem Brief im April 1938, und: "Wir leben hier noch immer in einem Wirbel."

Dieser "Wirbel" stand für Entlassung, Vertreibung, Zwangspensionierung rund der Hälfte aller Universitätsangestellten ebenso wie für das rigide "Säubern" aller Studierenden. Eine eben abgeschlossene Untersuchung von Werner Lausecker und Herbert Posch über Vertreibung an der Uni Wien macht erstmals deutlich, unter welchem Hochdruck die Universitätsadministration unmittelbar nach dem "Anschluss" den rassistischen Vorstellungen der neuen Eliten zuarbeitete.

42 Prozent "gesäubert"

Das Ergebnis: zwischen Wintersemester 1937/38 und Wintersemester 1938/39 ging die Zahl der Inskribierten um 42 Prozent zurück. Vertrieben und verfolgt wurden alle, die nicht dazugehörten - waren sie nun Studierende, Dozenten oder freie Wissenschaftlr. Zurück kamen nach 1945 nur wenige. Und noch weniger erfuhren posthum einige Anerkennung als Namensgeber von Preisen und Instituten. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2003)

Von Thomas König

Der Autor arbeitet an der Universität Wien zum Thema Wissenschaftsgeschichte in Österreich.

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