Eine Stadt im Kino sehen heißt, von ihr zu träumen

2. Jänner 2004, 22:15
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Wien als Agentenumschlagplatz oder doch weit differenzierter als ein Ort der Begegnung in einer langen, nicht enden wollenden Nacht

Wien kann man so oder so sehen. Entweder von außen oder von innen, von oben oder von unten. Von unten führt alles in die Kanalisation und zu den Führungen, die nach dem dritten Mann suchen. Von oben führt alles mit dem Aufzug nach unten in ein Multiplexx-Kino, ohne dessen Fundament heute kein Investor mehr ein Hochhaus plant. Von ganz außen, also von Hollywood aus, steht die österreichische Hauptstadt noch immer im Schatten ihres habsburgischen Mythos. Das "dreamy Nußdorf" aus Erich von Stroheims The Wedding March (1928) ist zu einem anhaltenden Dämmerschlaf verurteilt. Kein Touristenbus darf dort parken, die Fiaker aber haben scheinbar für ewige Zeiten einen Standplatz.

Aus Perspektive des Films

Von ganz innen, also aus der Perspektive des österreichischen Films, ist Wien eine alte Stadt, in der Insignien einer sozialistischen Moderne herumstehen. Dieser Dialektik wegen spielten in den Siebzigerjahren so viele (Fernseh-) Filme im Karl-Marx-Hof. Und so entspinnt sich auch das internationale Stadtbild, der visuelle Niederschlag Wiens im Kino der Welt, zwischen diesen beiden historischen Momenten, in denen die Stadt die Vorhut war: eines Vielvölkerreichs und einer Arbeiterbewegung, die sich den fatalen Alternativen eine Zeit lang entziehen konnten.

Eine Stadt im Kino sehen bedeutet immer, von ihr zu träumen. Das Österreichische Filmmuseum nennt seine Vortragsreihe im Rahmen der Wissenschaftstage auch: Imagining the City (19., 25. und 26. 10.). Fünf Fachleute, die sich mit Wien-Vorstellungen schon länger beschäftigen, werden referieren: Der Kritiker Michael Omasta, der Historiker Siegfried Mattl sowie die Film- und Medienwissenschafter Elisabeth Büttner, Alexandra Seibel und Marc Ries. Zu diesen Vorträgen kann hier nur ein unwissenschaftliches Vorspiel stattfinden, eine kleine Anreizbildung.

Schieber-City

Das Wien-Bild hat sich in den letzten Jahren doch beträchtlich differenziert. Nicht länger kann die Stadt als Vorort der Wachau oder als Siedlungsrand am Prater gesehen werden, wie es der Heimatfilm propagiert hat. Auch die Vorstellung von der Schieber-City, in der mit politischen Identitäten so lange gehandelt wird, bis ein dritter Weg gefunden ist, ist nicht mehr allein kanonisch. Der Agentenumschlagplatz am Eisernen Vorhang kommt zwar hin und wieder zu kurzen Ehren, zum Beispiel, wenn Faschisten in den USA einen atomaren Anschlag planen - doch dieses Wien liegt eher im politischen Unbewussten der amerikanischen Nation, die sich vor ihren Bevölkerungsgruppen hüten muss und deswegen das Böse ausschließlich im Ungefähren sucht.

Im Argwohn hinsichtlich eines nationalsozialistischen Erbes kamen das internationale wie das heimische Kino viele Jahre lang überein: Wenn Liliana Cavani am Naschmarkt einen Nachtportier aufspürte, ging es aber weniger um eine spezifische Deutung des österreichischen Anteils am Naziterror, sondern um eine allegorische Faschismusdeutung, die im "morbiden" Wien den Todestrieb einer Epoche veranschaulicht sah. (Ein filmhistorisches Kuriosum wie Obszön - Der Fall Peter Herzl interpretiert diese Tatbestände gegen den linken Strich.)

Problem und Privileg

Das Problem und das Privileg von Wien war immer, dass es seine Untergründe so schön nach außen gestülpt trägt. In den Heurigenhügeln meint man noch die Erdlöcher auszunehmen, in denen früher einmal die osteuropäischen Zuwanderer gehaust haben. In den Symbolbauten der sozialistischen Alleinregierung wird dagegen die Globalisierung als weltweite Sozialpartnerschaft gedacht: Zu jedem Trakt der UNO-City gibt es im Stadtbild eine einheimische Funktionärsburg. Dazwischen hat Regisseur Peter Patzak seine Kamerafahrten gemacht.

Wenn heute junge Leute in die Stadt kommen, vermutlich eher mit dem Billigflieger als über den Westbahnhof, werden sie davon keine Notiz nehmen, sondern sich den Gürtel entlangarbeiten, bis sie beim Flex am Donaukanal angekommen sind. Als der Amerikaner Richard Linklater in den Neunzigerjahren Before Sunrise drehte, wurde im Kleinen Café gedreht und in der Arena, und Wien hatte so viel Flair, dass die Nacht von Julie Delpy und Ethan Hawke kein Ende nehmen wollte. Als es dann doch so weit war, erwachte auch die Stadt in einen profanen Alltag, und wieder einmal war da dieser Eindruck: dass alles nur ein Traum war.

Vorstadt von Paris

Dass Before Sunrise demnächst eine Fortsetzung in Paris erhalten soll, ist eigentlich nur logisch, denn damit sind die Relationen erst geklärt: Paris ist die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts und Wien nur dessen Vorstadt. Dieser Mythos lässt sich auch mit sehr viel Filmförderung nicht aufklären. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2003)

Von Bert Rebhandl

Link

www.filmmuseum.at

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