Die Helden des Geistes suchen ihr Zentrum

2. Jänner 2004, 22:15
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Die große Anzahl der wissenschaftlichen Veranstaltungen und Symposien in Wien setzt die Stadt auf die Landkarte des Geisteslebens

Vom Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) aus, nobel untergebracht im Dachgeschoß der Reichratsstraße 17, hat man einen prächtigen Blick auf das Hauptgebäude der Universität. Während die ehrwürdige Alma Mater Rudolfina seit weit über hundert Jahren am Ring steht, feiert das außeruniversitäre Institut dieser Tage seinen zehnten Geburtstag. Trotzdem hat sich das IFK bereits einen guten Ruf erworben.

Auch während des goldenen Zeitalters der Wiener Geistes- und Sozialwissenschaften - nämlich nach der Jahrhundertwende bis in die Dreißigerjahre - war die Universität nicht das einzige Zentrum der "weichen Wissenschaften" in Wien. Zwar unterrichteten viele bedeutende Humanwissenschafter an der Alma Mater: Sigmund Freud ebenso wie die meisten Philosophen des Wiener Kreises. Aber viele der später so einflussreichen Innovatoren vor allem in den Sozialwissenschaften fanden keinen Platz an der Universität oder gingen ganz anderen Brotberufen nach.

So etwa die Sozialpsychologen Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeisel, die 1933 mit den "Arbeitslosen von Marienthal" die wohl wichtigste soziologische Studie veröffentlichten, die je in Österreich verfasst wurde. Aber auch die meisten anderen Sozialwissenschafter, die Bahnbrechendes leisteten, waren damals an der Universität unerwünscht. Der Soziologe Otto Neurath zum Beispiel, der eine bis heute nachwirkende Bildsprache entwickelte, war Museumsdirektor. Käthe Leichter wiederum, die international beachtete Untersuchungen über die Lage der Frauen durchführte, war in der Arbeiterkammer beschäftigt. Sie alle wurden Opfer des Nationalsozialismus, mussten emigrieren, Käthe Leichter wurde 1942 im KZ ermordet.

Ost-West-Vermittlung

Dieser immense Verlust an Intelligenz wirkt vor allem in den Sozial- und Kulturwissenschaften bis heute nach. Und so ist Wien im internationalen Vergleich längst nicht mehr jenes Zentrum innovativer Forschung, das es vor siebzig oder hundert Jahren in diesem Bereich war. Gleichwohl gibt es einige universitäre und außeruniversitäre Institute, die durchaus mithalten können. Zu den außeruniversitären zählt unter anderem das Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM), das sich in Sachen Ost-West-Vermittlung einen Namen gemacht hat, das bereits genannte IFK, einzelne Institute der Österreichischen Akademie der Wissenschaften wie auch einige Institute im Bereich der Sozialforschung wie das Zentrum für Soziale Innovation (ZSI).

Vergleichsweise stark ist man in Wien hingegen beim Repräsentieren und bei der Reproduktion, so wie im Kulturbereich ganz allgemein: kaum eine europäische Stadt, in der mehr Symposien mit internationalen Stars der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften stattfinden - wofür auch entsprechende Budgets vorhanden sind. Die Wissensproduktion vor Ort kann damit aber nicht mithalten.

Typisches Missverhältnis von Produktion und Reproduktion

Dieses Missverhältnis von Produktion und Reproduktion ist ja im Übrigen typisch für den gesamten Kunst- und Kulturbereich der Stadt. Auch hier ist Wien führend, was das Veranstaltungsangebot anlangt. In Sachen Cultural Industries, also der eigentlichen Wertschöpfung, sieht es aber schlecht aus. Und das hat mittelbar auch mit den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften zu tun: So fehlt es in Wien zum Beispiel auch an international renommierten Verlagen (bzw. einer geeigneten Verlagsförderung) und dem entsprechenden Umfeld - was wieder auf die Wissensproduktion der "Soft Sciences" negativ zurückwirkt.

Kunstunis als Orte der Wissenschaftsproduktion

Es gibt auch noch einen anderen Bezug zu Kultur und Kunst: Mit der stärkeren Verwissenschaftlichung und "Theoretisierung" der Kunstproduktion sind auch die Kunstuniversitäten mehr und mehr zu Orten der Wissenschaftsproduktion geworden. Künstler betätigen sich als kritische Kulturwissenschafter, wie überhaupt - um Joseph Beuys zu paraphrasieren - heutzutage fast jeder ein "Soft Scientist" ist oder sein kann.

Anders als bei den Naturwissenschaftern, wo es im Normalfall Laboratorien braucht, genügt den Angehörigen der anderen Wissenskultur im Prinzip eine Bibliothek oder ein Archiv, ein Internetanschluss und allenfalls noch audiovisuelle Medien, um tätig werden zu können. Manche sind zudem im Kulturbereich tätig, andere werken journalistisch oder lassen sich sonstwie auf zumeist wackeliger Projektbasis auf das Abenteuer Wissenschaft ein, ohne angesichts der prekären Lage an den Unis je auf einen sicheren Job hoffen zu können.

Abhilfe schaffen allenfalls wenige geistes- und sozialwissenschaftliche Großforschungsprojekte wie die Historikerkommission, bei der Dutzende Nachwuchskräfte einen Job fanden. Oder die Stipendien und Fellowships vor allem des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften (IWK), wo sich in den letzten Jahren regelmäßig rund hundert Nachwuchsforscher für die nicht einmal zehn Junior-Fellowships beworben haben. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2003)

Von Klaus Taschwer
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