Kaprun: Endloser Prozess

15. Oktober 2003, 22:48
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Der Strafprozess um die Brandkatastrophe von Kaprun steht bisher unter keinem guten Stern ...

Der Strafprozess um die Brandkatastrophe von Kaprun steht bisher unter keinem guten Stern. Zu Erinnerung: Erst Wochen nach Prozessbeginn tauchen Beamte des Innenministeriums mit einem Kofferraum voller Unterlagen auf. Dann kann das Verfahren nicht fortgesetzt werden, weil den Justizbehörden Schreibkräfte für die Protokollarbeit fehlen. Der wichtigste Gutachter gerät unter Druck, weil er Beweisstücke - vorsichtig formuliert - etwas ungewöhnlich aufbewahrt hatte. Schließlich scheidet dieser Gutachter - krankheitsbedingt - aus dem Verfahren aus, ein neues Gutachten zum Thema Brandursache muss in Auftrag gegeben werden.

Alles sehr blamabel, immerhin geht es bei dem Verfahren um den Tod von 155 Menschen. Die Opfer kommen aus halb Europa, den USA und Japan. Daher sieht die internationale Öffentlichkeit genau hin. Dass bei der Übergabe des neuen Gutachtens am Dienstag nicht alle Verteidiger ein schriftliches Exemplar der Expertise erhalten hatten, da nicht genügend Zeit zum Kopieren blieb, passt wieder gut in das Bild dieses an Pannen reichen Prozesses.

Trotzdem: Jetzt bietet sich die Chance, das Verfahren im Dienste der Wahrheitsfindung geordnet fortzusetzen. Die jüngsten Untersuchungen der Experten haben zwar in wesentlichen Details wichtige neue Erkenntnisse gebracht, es ist aber nicht notwendig, die Anklage komplett umzustoßen. Das Verfahren kann ohne große Zeitverzögerungen weitergeführt werden. Betrachtet man seine bisherige Verhandlungsführung, ist Richter Manfred Seiss durchaus in der Lage, die Sache korrekt und souverän über die Bühne zu bringen. Vorausgesetzt, man lässt ihn arbeiten, und es kommt nicht wieder zu peinlichen Pannen außerhalb seines Wirkungsbereiches. (Thomas Neuhold/DER STANDARD; Printausgabe, 15.10.2003)

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