Gonzaga-Erbe: Scheidung auf Kärntnerisch

20. Oktober 2003, 19:25
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Kunstskandal, Lachnummer oder Schildbürgerstreich? Museumsstreit führt zu Zerteilung der kostbaren Gonzaga-Brauttruhe

Was Andrea Mantegna zusammengefügt hat, darf der Mensch offenbar trennen. Weil sich das Kärntner Landesmuseum und das Stiftsmuseum Millstatt nicht einigen konnten, wurde die kostbare Brauttruhe der Paola Gonzaga nun zerlegt.

Klagenfurt/Wien – Kunstskandal, Lachnummer oder Schildbürgerstreich? Für Kunstfreunde und Steuerzahler jedenfalls zum Weinen. Die berühmte Brauttruhe der Paola Gonzaga, die so genannte Kärntner Saliera, wurde am Montag wieder zerlegt. Und dies nach einem Jahre währenden Streit darüber, welchem der Eigner der jeweiligen Einzelteile wohl das Recht zukäme, das bedeutende Renaissance-Stück als Gesamtkunstwerk zur Schau stellen zu dürfen.

Dem Kärntner Landesmuseum verbleibt nunmehr das wertvolle Stuckrelief mit Szenen aus dem Leben des Kaisers Trajan aus der Werkstatt des Hofmalers der Gonzaga, Andrea Mantegna. Das Stiftsmuseum Millstatt erhält den bloßen Truhenkorpus zurück. Basta. Womit der jahrhundertelange "Schandzustand" wieder hergestellt wäre.

Dabei hatte das Bundesdenkmalamt das kostbare Mantegna-Relief (Schätzwert rund elf Millionen Euro) nach der ersten Brachialscheidung, für die seinerzeit just die Kirche verantwortlich zeichnete, in mühseliger Kleinarbeit wieder mit der Truhe vereint. Extra für eine Sonderausstellung des Kunsthistorischen Museums in Wien. Dort wurde die mehr als 500 Jahre alte Mantegna-Truhe – sie stellt die wertvollste und größte ihrer Art dar – 2001 erstmals in einem internationalen Rahmen präsentiert.

Im Bundesdenkmalamt kann man ob des neuerlichen Barbarenaktes nur noch die Köpfe schütteln. Immerhin wurde die Restaurierung in der Höhe von rund 140.000 Euro aus Bundesmitteln bezahlt. "Man kann nur hoffen, dass spätere Generationen mehr Verständnis dafür haben werden", zeigt sich Manfred Koller vom Bundesdenkmalamt resigniert. Seine Leute mussten die Mantegna-Truhe wieder auseinander nehmen: "Leider konnten wir an den Eigentumsrechten nicht vorbei. Wir haben sie jedenfalls so gesichert, dass man sie jederzeit wieder zusammensetzen kann", sagte Koller.

Landes- und Stiftsmuseum schieben sich nun gegenseitig die Schuld an der neuerlichen Trennung zu. "Wir haben Millstatt ohnehin eine originalgetreue Replik für die Abtretung des Truhenkörpers angeboten", rechtfertigt sich der Kustos des Landesmuseums Robert Wlattnig.

Der Leiter des Stiftsmuseums Franz Mikolasch wiederum, der sich ebenfalls nur mit dem ganzen Original zufrieden geben wollte, bot an, das Stiftsmuseum künftig als Außenstelle des Landesmuseums zu führen. Bei einem runden Tisch entkam Kulturamtsleiterin Erika Napetschnig der Vorschlag, die wiederhergestellte Brautruhe Millstatt für die Zeit des Umbaus des Landesmuseums leihweise zur Verfügung zu stellen. Auch das wurde von den Streitparteien abgelehnt.

Recherchen des STANDARD zufolge bescheinigen internationale Experten sowohl Landesmuseum als auch Stiftsmuseum ungenügende konservatorische und museale Voraussetzungen um so ein kostbares Kulturerbe adäquat unterbringen zu können.

Mittlerweile hat auch Kulturreferent Jörg Haider von der Misere Kenntnis erhalten: "Das ist doch peinlich. Warum hat das Landesmuseum die Truhe nicht für einige Zeit nach Millstatt verliehen? Den Mehraufwand für die Sicherheitsmaßnahmen hätte ich schon aufgebracht." (stein/DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2003)

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