Vom Hölzchen aufs Stöckchen hinüber ins Nichts

19. Oktober 2003, 20:14
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Die Berliner Festwochen schummeln sich über ein Thema namens "Russland" elegant hinweg

"Theatre ist no nation", heißt das Schlagwort der neuen Berliner Festwochen. Das klingt zunächst einmal viel sagend. Gleichzeitig wurde das Thema "Russland" als alles umfassende Klammer gewählt. Hier könnte es freilich zu Kontroversen mit Herrn Putin kommen. Auch sonst steckt dieses auf sechs Wochen ausgedehnte Festival voller Widersprüche und Geheimnisse.

"Viel zu lang", wetterte nicht ganz zu Unrecht Kulturstaatsministerin Christina Weiss, die das schmale Budget der seit kurzem bundeseigenen Institution auf zwei Millionen Euro marginal aufstockte. Nur um ein Beispiel zu geben: Die Wiener Festwochen können mit 11,6, Millionen Euro auskömmlich wirtschaften. Damit ist naturgemäß mehr Staat zu machen, ob national oder international. Das Festival begann mit älteren Stücken von William Forsythe: Ein immer gern gesehener Gast, der mit seiner fabelhaften Truppe ab 2004 das finanzielle Trockenufer Frankfurt verlässt, um in Dresden seine Zelte aufzubauen. Bei aller Begeisterung für den Amerikaner: Als festlicher Prolog wäre eine Kostprobe des Mariinsky-Balletts sinnvoller und thematisch wohl korrekter gewesen. Was sollen sich, bitte schön, die Russen denken, wenn Forsythe als "Russe" firmiert? Ein peinlicher Fauxpas.

Auch beim Theater hatte man nicht den Eindruck, das Beste präsentiert zu bekommen. Im tiefsten Osten, in der Parochialkirche, waren die Weihrauchschwenker schon vor Beginn stundenlang unterwegs, das Kirchlein so nebelverhangen, dass man nichts mehr sehen konnte: ein Fall von Tränenfluss.

Gegeben wurde der Puschkin-Stoff Boris Godunow in einer Inszenierung des Engländers Daclan Donnellan. Das kam steif und altbacken über die Rampe, in mühsamer, kleinlicher Nachübersetzung des Stoffes. Heillos konfus und wenig erhellend die Schmonzette über den falschen und einen echten Zaren, Choräle singenden Popen, Grenzwächtern und Huren. Sodass dies alles dem hart auf Kirchgestühl sitzendem Zuschauer am Ende ziemlich egal war.

Wirklich fesselnd waren nur die Gesichter der famos aufspielenden russischen Schauspieler. Vor allem Alexander Feklistovs teigiges, mafioses Gesicht, sein öliger Zungenschlag gaben dem Godunow ein gehöriges Maß an Authentizität und erinnerten wohl nicht ganz zufällig an den Neo-Zaren Putin.

Vom Kanadier Robert Lepage, auch ein alter Bekannter, stammten neue Geschichten seiner Drachen-Trilogie. Auch hier durfte man fragen: Was haben Drachen mit Russland gemein? Im Einzelnen und im Besonderen eigentlich nichts. Mystik pur: das leise Zirpen der Musik. Lepages Licht -und Klangmysterium ist suggestiv und betörend, aber müssen es immer sechs Stunden sein? Marie Brassard schrieb eifrig weiter am Text.

Viel verstehen muss man nicht: Handelt es sich doch um ein Klangereignis. Hier lassen sich tausend Knoten und thematische Verbindungsnetze knüpfen - ob in einer Tiefgarage oder in einer Wäscherei. Chinesen und Briten reden unaufhörlich aneinander vorbei, reißen Witze übereinander, spinnen sich vom Hölzchen zum Stöckchen. Eine unendliche Geschichte. Gesprochen in englischer, französischer und chinesischer Sprache. Sodass eben jeder etwas davon hatte.

Insofern ist das Festivalmotto ("Theatre is no nation") doch die einzig richtige Klammer: Russland steht auf einem anderen Blatt. Ende Oktober gibt es Gastspiele des Petersburger Mariinsky-Theaters in der Deutschen Oper Berlin. Die Karten sind restlos ausverkauft. Die Russen sind dann wirklich unter sich. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2003)

Christian Kageneck aus Berlin

Bis 2. November

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