Auf der Flucht die Welt verloren

27. Oktober 2003, 18:28
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Traumatisierte Migranten und das neue Asylgesetz - Kommentar der anderen von Martin Schenk

Trauma ist griechisch und heißt: Wunde. Folter hat das Ziel, den Menschen als Person zu brechen und seine Würde, seine Beziehungen, seine Zukunft zu vernichten. Das erlittene Trauma lässt eine massive Verletzung zurück. Das Vertrauen in die Welt ist verloren. Eine Todeserfahrung, ohne wirklich tot zu sein. Die Menschen verlieren den Boden unter den Füßen, den Stand in der Welt.

Es ist nicht allein eine tiefe Erschütterung, es ist vielmehr ein völliges Wegbrechen. Es ist das Gefühl, den Kontakt mit der umgebenden Welt zu verlieren, keinerlei Sicherheit mehr zu haben.

Die häufigste psychische Störung, die dieser Erfahrung folgt, ist die so genannte posttraumatische Belastungsstörung: Depressionen, Angst, Panikattacken, Essstörungen, Schlafstörungen, starke körperliche Schmerzen.

Fünf bis 30 Prozent aller Flüchtlinge sind nach UNO-Angaben schwer traumatisiert. Sie kommen auch nach Österreich.

Im letzten Jahr wurden von der Hilfsorganisation "Hemaya" in Wien 258 Personen aus 33 Ländern psychotherapeutisch, psychologisch und medizinisch betreut. Man sieht einem Menschen nicht an der Nasenspitze an, ob er vor Verfolgung geflohen ist oder "nur" aus tristen Lebensumständen.

Zur Unterscheidung der Gründe gibt es das Asylverfahren. Wenn jemand einen Asylantrag stellt, dann müssen seine Fluchtgründe gut geprüft werden. Es ist ja gerade Aufgabe des Asylverfahrens, Arbeitsmigranten von Flüchtlingen nach Genfer Konvention zu unterscheiden. Je besser die Qualität der Verfahren, desto besser die Qualität der Asylentscheidungen. Je besser die Personalausstattung, desto schneller die Asylentscheide.

Es gibt zu wenige Posten für zu viele Asylverfahren. Seit Monaten sind die Asylbehörden unterbesetzt. Die Beamten werden allein gelassen und können die Asylverfahren - wo es um Entscheidungen um Leben und Tod gehen kann - nicht in der nötigen Qualität durchführen.

Der Unabhängige Bundesasylsenat (UBAS), die Berufungsinstanz im Asylverfahren, wandte sich mit einem Hilfeschrei bereits im Juni 2002 an die Öffentlichkeit, in dem es hieß, dass "für eine wirksame und spürbare Entlastung das erstinstanzliche Verfahren beim Bundesasylamt (...) zu verbessern" sei und dass es "dringend notwendig" wäre, "die Asylbehörden mit den entsprechenden personellen Kapazitäten auszustatten".

Die mangelnde Qualität der Asylverfahren in der ersten Instanz zeigt sich darin, dass von den in den Jahren 2000 und 2001 positiv abgeschlossenen Anträgen (insgesamt 2116), 740 erst in der zweiten Instanz positiv beschieden wurden. Was wäre mit diesen 740 Menschen geschehen, wären sie sofort abgeschoben worden?

Gerade Scham- und Schuldgefühle sind Teil des Traumatisierungsbildes. Das gilt besonders für Opfer sexualisierter Gewalt und für "zufällige" Überlebende eines Massakers. Um Hinweise auf Traumatisierung zu erkennen, braucht es Vertrauen und Zeit. Unter den Bedingungen des neuen Asylgesetzes mit seinen Erstisolationsstellen und den 72-Stunden-Schnellverfahren ist die Gefahr hoch, dass sich die Betroffenen aus Scham verschweigen.

Folterüberlebende tragen das Schreckliche nicht auf der Zunge. Das ist, wie wenn ein schwer Verwundeter die Rettung anruft, und die ihm sagt, er hat jetzt eine Minute Zeit, glaubhaft zu machen, dass er verletzt ist - sonst kommt sie nicht ... (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.10.2003)

Martin Schenk ist Sozialexperte der Diakonie Österreich und Vorstandsmitglied von Hemayat (Betreuung traumatisierter Flüchtlinge)
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