Neuer Dämpfer für Deutschland

20. Oktober 2003, 11:31
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ZEW-Index sank im Oktober überraschend - Privatbanken sehen eher geringe Chancen für Besserung - Starker Euro drückt Aussichten

Berlin - Nach mehreren positiven Signalen haben die Hoffnungen auf einen baldigen Wirtschaftsaufschwung in Deutschland nun wieder Dämpfer erhalten. Erstmals seit Monaten sank der Konjunktur-Index des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Und die privaten Banken sehen die Konjunktur "vor einer Erholung, aber keinem Aufschwung". Sowohl das ZEW in Mannheim als auch der Bundesverband der deutschen Banken verwiesen am Dienstag zudem auf erhebliche Risiken, die allen Optimisten einen Strich durch die Rechnung machen könnten.

"Fragiler" Auwärtstrend

Der Chefvolkswirt der Deutsche-Bank-Gruppe, Norbert Walter, nannte den Aufwärtstrend "fragil". Die Risiken seien stärker als in vergleichbaren Phasen der Vorjahre. Für 2004 prognostizierte der Verband ein Wirtschaftswachstum von 1,6 Prozent. Dieses Jahr sieht er "eine schwarze oder rote Null". Die Krise am Arbeitsmarkt wird sich nach Meinung der Banken sogar verschärfen.

Der ZEW-Konjunkturindikator fiel im Oktober auf 60,3 Punkte. Im September lag er noch bei 60,9 Punkten. Experten werteten dies als Beleg dafür, dass sowohl die Hoffnung als auch die Unsicherheit über das Ausmaß der Konjunkturerholung anhält. Widersprüchlich blieben auch jüngste Konjunkturzahlen der deutschen Industrie: die Produktion fiel im August überraschend deutlich, die Auftragseingänge nahmen hingegen wieder zu.

Zu starker Euro

Als Gründe für den Rückgang des ZEW-Indikators nannten die Mannheimer Konjunkturforscher den nach wie vor starken Euro, der die Umsatz- und Gewinnaussichten aus deutschen Exporten drückt. Auch kämen unterschiedliche Konjunktursignale aus den USA. Auch der Bankenverband betonte, noch immer sei unklar, ob sich der Aufschwung in Amerika verfestige.

Das Ende der konjunkturellen Talfahrt in Deutschland sei im zweiten Halbjahr 2003 in Sicht, meinte Walter. Die "minimale Belebung" reiche jedoch nicht aus, um die Stagnation schon dieses Jahr zu überwinden. Die "vorsichtigen Hoffnungsschimmer" beruhten auf einem Anziehen der Exporte und der Investitionen. Gefahren wie der Euro-Wechselkurs zum US-Dollar und die Energiepreise, aber auch ein Scheitern der Reformagenda 2010 könnten die positive Entwicklung stoppen. Auch ein Verzicht auf das Vorziehen der Steuerreformstufe 2005 auf 2004 würde Schaden anrichten.

Arbeitsmarkt wird nicht profitieren

Der Arbeitsmarkt wird nach Einschätzung der Banken von der konjunkturellen Erholung in den nächsten Monaten nicht profitieren. Sie gehen für 2003 im Durchschnitt von 4,42 Millionen Arbeitslosen und für 2004 von 4,45 Millionen Arbeitslosen aus. Eine Besserung sei erst ab Sommer kommenden Jahres in Sicht. Sie falle jedoch zu gering aus, die durchschnittliche Arbeitslosenzahl zu drücken.

Die Allianz/Dresdner Bank ist etwas hoffnungsfroher als der Bundesverband. Sie prognostizierte ein Konjunkturplus von 2,0 Prozent im kommenden Jahr. Chefvolkswirt Michael Heise betonte ebenfalls: "Ohne Reformen droht die Stagnation."

Walter meinte, die vorhergesagte Wachstumsrate für 2004 sei nur deshalb so hoch, weil das kommende Jahr 3,5 Arbeitstage mehr habe als das laufende. Das mache gut 0,5 Prozentpunkte aus. Deutschland werde also auch 2004 unter seinen Möglichkeiten bleiben. Die Politik dürfe deshalb nicht dem Trugschluss verfallen, auf Reformen zu verzichten. (APA)

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    Die sensible deutsche Wirtschaftslage sieht sich nach wie vor widrigen Umständen ausgesetzt

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