Zweimal ein Ausschnitt der Wirklichkeit

20. Oktober 2003, 19:37
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Romuald Karmakars Dokumentationen "196 bpm" und "Die Nacht von Yokohama" führen in Ausnahmezustände

Der 30. Juni 2002 hätte ein großer Tag für Deutschland sein können. Die Fußball-Nationalelf stand in der WM von Japan und Südkorea im Finale, verlor dann aber 2:0 gegen Brasilien. Daran erinnert uns in Romuald Karmakars Die Nacht von Yokohama ein Insert, noch bevor ein erstes Bild zu sehen ist. "Deutschland wurde Vizeweltmeister", heißt es nur trocken. Was jedoch folgt, lässt sich keineswegs als Ausdruck von Enttäuschung bezeichnen:

An einer beliebigen Straßenecke in Berlin herrscht karnevaleske Ausgelassenheit. Autos hupen wie bei einer Hochzeit, Fahnen werden wild geschwenkt, begeistert Parolen gegrölt. Karmakar filmt mit seiner Videokamera 15 Minuten ungeschnitten mit. Er filmt, was ihm vor die Linse gerät, aber die meisten Passanten begreifen die Kamera ohnehin als Einladung zur Einlage. Eine Frau bittet dann sogar um eine Kassette dieses Spektakels, und nicht nur an dieser Stelle lacht Karmakar selbst laut auf. Es ist ein befremdliches Bild Deutschlands, ein roher, geradezu abstrakter Ausschnitt der Wirklichkeit, den Karmakar hier einfängt. Sein Blick changiert zwischen Anteilnahme, Faszination und ein wenig ironischer Distanz. Er zeigt eine rituelle Abweichung vom Alltag, ohne sie bändigen zu können - oder zu wollen.

Karmakars Spielfilme (Totmacher, Manila), vor allem aber die dokumentarischen Arbeiten (Himmler-Projekt, Warheads) begeistern sich für das Widersprüchliche an Figuren; hier ist es eine umfassendere Situation, die sich einer vorschnellen Einordnung widersetzt. 196 bpm folgt einem ähnlichen Prinzip: Wieder geht er vor "wie ein Partisan, wie im Untergrund" (Karmakar), wieder herrscht ein allgemeiner Ausnahmezustand auf den Straßen Berlins.

Es ist die Nacht der Love Parade. Karmakars Video besteht aus drei Einstellungen mit O-Ton: Zunächst sieht man junge Leute vor einem Nachtclub tanzen oder herumhängen und andere vorübergehen, dann heftet er sich an ein paar Raver vor einer Döner-Bude - im Grunde sind es also Nebenschauplätze, Randzonen des Geschehens, wo er Körper zwischen Erschöpfung und Ekstase dokumentiert. Der längste Teil der Arbeit heißt "Hell at Work" und zeigt in einer stur starren, kaum geschnittenen Sequenz den Techno- und House-DJ hinter seinem Mischpult.

Auch hier interessiert sich Karmakar weniger für die Celebrity als für die Sprache des Plattenauflegens. Dabei hebt er keine Details hervor - wie eine Kamera neben ihm, die manisch herumgerissen wird -, sondern hält gelassen auf sein Objekt: Derart bleibt der von Rauch und Farben durchzogene Raum fühlbar, und mit der Zeit ereignen sich immer wieder schöne Abweichungen. Etwa wenn Hell, der mit seiner Musik mitgeht, mal patzt und das nicht akustisch, sondern eher an seiner Mimik deutlich wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2003)

Von
Dominik Kamalzadeh

18. 10., Stadtkino 23.00;

Wh: 19. 10., 20.30

  • Artikelbild
    foto: viennale
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