Geschichten aus dem Gerichtssaal

20. Oktober 2003, 19:37
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Ein Panorama privater Kleinkriege erstellt "Domestic Violence 2" - Regisseur Frederick Wiseman im Gespräch

Mit "Domestic Violence 2" setzt Frederick Wiseman seine Untersuchung von häuslicher Gewalt im Gericht fort - und erstellt ein Panorama privater Kleinkriege. Dominik Kamalzadeh und Michael Loebenstein sprachen mit dem US-Dokumentaristen über seine Arbeitsweise.


Angeklagte und Ankläger treten vor das Gericht. Noch einmal wird der Tathergang minutiös rekonstruiert. Die Sichtweisen der Parteien liegen im Widerstreit. Kautionen werden festgesetzt, Unterlassungsverfügungen ausgesprochen. Jeder Fall von häuslicher Gewalt, der im Hillsborough County Courthouse in Tampa, Florida, zur Sprache kommt, liefert Facetten zerrütteter Familienverhältnisse und lässt, Aussage um Aussage, die Dynamik der Gewalt erkennen, die diesen so unscheinbaren, weil alltäglichen Kampf bestimmt.

Domestic Violence 2, die Fortsetzung von Frederick Wisemans Dokumentarfilm aus dem Jahr 2001, ist die mittlerweile vierunddreißigste Arbeit des US-Regisseurs, und sie führt ihn auf sein ureigenstes Terrain zurück - in den Gerichtssaal. Denn Wiseman, einer der bedeutendsten Dokumentaristen der amerikanischen Nachkriegskultur, ist promovierter Jurist.

Seine Auffassungen über Bedeutung und Aufgaben dokumentarischen Arbeitens sind der Direct-Cinema-Bewegung der 60er-Jahre genauso verpflichtet wie der amerikanischen Verfassung und ihrer Forderung höchstmöglicher Transparenz seitens des Staates und seiner Einrichtungen. Das Recht auf öffentliche Information stellt den Kern seines Schaffens dar: So produziert er auch seine Filme zu allererst für das öffentliche Fernsehen und erst in zweiter Linie für die Kinoauswertung.

High School, Juvenile Court, Welfare, Hospital - Wisemans Filmografie liest sich wie eine Beschreibung des aufgeklärten, modernen Institutionswesens. Wenig Wunder, dass der Filmemacher seit seinem Aufsehen erregenden und jahrzehntelang mit einem Aufführungsverbot belegten Debüt Titicut Follies vor allem in Europa den Ruf des "Aufdeckers" und Institutionskritikers genießt. Eine Kategorie, die der Filmemacher im Gespräch mit dem STANDARD entschieden zurückweist: "Es gibt die falsche Auffassung, meine Filme seien Enthüllungen. Ich denke, das sind sie nicht. In jedem meiner Filme gibt es kritische Aspekte, aber genauso berücksichtigen sie die gute Arbeit, die Institutionen leisten. Meine Filme sind nicht primär als Kritik an den staatlichen Einrichtungen gemeint, sondern als Analyse komplexer Situationen."

Summe der einzelnen Teile

Dem Humanismus und dem Glauben an die Demokratie schulden die Filme auch ihren wohlwollenden Zug hinsichtlich des staatlichen, sozialen Engagements. Was Wisemans Arbeiten über ihre Themen hinaus spannend macht, ist die Komplexität und die formale Sicherheit, mit der sie von ihrem Gegenstand erzählen. Ein Wiseman-Film funktioniert wie ein Mosaik - als Bild, das sich erst in der Summe der einzelnen Teile erschließt.

Der Regisseur - bei allen Filmen auch selbst Tonmann -, verzichtet auf Interviews und Off-Kommentar; stattdessen nimmt er eine Beobachterposition ein, lässt den Zuschauer an Begegnungen und Konfrontationen, dem Leben an einem konkreten Ort beiwohnen. "Interviews", erklärt Wiseman, "empfinde ich als zu didaktisch. Ich halte sie für kein besonders filmisches Verfahren. Ich ziehe es vor, Filme zu machen, in denen man als Betrachter mitten in eine Situation gebracht wird und sich erst langsam seine Position zu dem, was man sieht und hört, erarbeiten muss."

In Domestic Violence 2 wird man als Beobachter zum Geschworenen, der sich sein eigenes Urteil über die Fälle (und die Praxis des Gerichts) bilden muss. Der Film schlägt einen anderen Weg als sein Vorgänger ein, in dem noch die Opfer das Geschehen bestimmten: vom Polizeieinsatz führte der Weg in ein Frauenzentrum, zu einer nicht institutionellen Form des Konfiktmanagements. Nunmehr verlagert Wiseman seinen Blick auf die Konfrontation von Opfer und Täter, nutzt aber auch hier eine bereits bestehende Öffentlichkeit als Tür zu einer Vielzahl privater Dramen.

"Ich folge einfach meinem Instinkt", meint Wiseman auf die Frage, wie er sich auf dem jeweiligen Schauplatz orientiert: "Ich denke darüber nach, was ich gerade sehe und höre, und ich suche Situationen, in denen Menschen Macht ausüben, oder beobachte Routinevorgänge wie Meetings. Ich halte vor allem die Augen offen für Passagen, die mir erzählen, wie etwas funktioniert." Es sind die unterschiedlichen gerichtlichen Prozesse - die jeweils Teilaspekte der Strafverfolgung häuslicher Gewalt anschaulich machen -, die seinen neuen Film in längere Blöcke strukturieren. Die routinierten Abläufe, etwa bei der ersten Anhörung, werden durch kleinere Abweichungen durchbrochen: In solchen Momenten kommt der menschliche Faktor von Wisemans Arbeiten ins Spiel.

Denn erst da, wo sich das Räderwerk der Justiz an der Singularität des jeweiligen Falles reibt, wird aus der Theorie das existenzielle Drama: Es mag der leicht überdrüssige Gesichtsausdruck einer Richterin sein oder die abstrusen Wendungen so manchen Falles. "Ein Film wie Domestic Violence ist ja eine Sammlung individueller Geschichten", meint Wiseman dazu, "Sie werden meines Erachtens nach in einem Dokumentarfilm viel anschaulicher als in abstrakter Form, wie etwa bei einer Anhörung vor einer Regierungskommission. Das wäre technisch, abstrakt, langweilig - wichtig, aber kein guter Film. Hingegen sind Geschichten aus dem Leben einzelner Menschen, die auch emotional sind, filmische Geschichten."

Um diese Geschichten in ihrer Komplexität darzustellen, braucht es Zeit. Wiseman nimmt sich die Freiheit, einen ganzen Prozess von Anfang bis Ende mitzuverfolgen. Wobei es gerade die Redundanzen innerhalb einer Institution erlauben, diese Abläufe in der Montage zusammenzusetzen. "Jede Facette der Montagearbeit muss das Einzigartige an den Geschichten repräsentieren und gleichzeitig ihre Bedeutung innerhalb eines größeren Zusammenhangs berücksichtigen. Jeder Schnitt ist eine Entscheidung, auch darüber, wie man Emotionen zu Situationen, eine Geschichte zu einer anderen in Beziehung stellt, um den Zuschauer zu involvieren, ohne ihn zu überwältigen."
(DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2003)

19. 10., Metro, 12.00
  • Artikelbild
    foto: viennale
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