Nierenkrankheiten - unterschätzte Gefahr

16. Oktober 2003, 19:45
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Immer mehr Dialysepatienten durch Diabetes und Bluthochdruck - Ärzte schlagen Alarm

Wien - Zu wenig Vorbeugung, zu späte Diagnose und viel zu späte Therapie - Österreichs Nierenspezialisten schlagen Alarm. Die Zahl der Dialysepatienten steigt jährlich um 3,8 Prozent. Zwei Drittel der rund 6.000 Blutwäsche-Patienten haben gar keine Nierenkrankheit, sondern Diabetes und/oder Bluthochdruck als Ursache. Insgesamt 300.000 Österreicher sind nierenkrank. Gesundheitspolitische Restriktionen könnten die Versorgung der Patienten gefährden. Dies erklärten Fachleute am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Wien.

Ursachen sind Volkskrankheiten

"Wir sind in zweifacher Weise besorgt. Wir haben immer mehr neue Patienten an der Dialyse wegen Nierenversagens. Die Gesamtzahl ist im Jahr 2002 wieder um 3,8 Prozent gestiegen. Der Nierenersatz kostet pro Jahr 200 Millionen Euro. Die Ursachen für den Zuwachs sind vor allem die Volksleiden Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes und das Rauchen. Nur ein Drittel der Dialysepatienten hat eine eigentliche Nierenkrankheit. Ein Drittel der Betroffenen ist zuckerkrank. Ein weiteres Drittel sind Hochdruck- und Atherosklerose-Patienten", erklärte der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Nephrologie, der Grazer Experte Univ.-Prof. Dr. Herwig Holzer.

Spitze beim Transplantieren

In Österreich müssen rund 6.000 Menschen wegen endgültigen Nierenversagens behandelt werden (Organtransplantation oder Dialyse). Spitze ist die Alpenrepublik bei den Transplantationen und liegt hinter Spanien an zweiter Stelle. Univ.-Prof. DDr. Walter Hörl (AKH-Wien): "Von hundert dieser Patienten sind 51 oder 52 mit einer Spenderniere versorgt. In Deutschland liegt dieser Anteil bei 25 Prozent und 75 Prozent Dialyse."

Schwankungen in den Bundesländern

Doch das ändert nichts daran, dass offenbar Vorsorge und Früherkennung zwischen den einzelnen Bundesländern großen Schwankungen unterliegen. "Dialyse und Transplantation könnten in vielen Fällen überhaupt verhindert oder zumindest deutlich verschoben werden. Es gibt Österreich 300.000 bis 400.000 Leute, die eine Nierenfunktion von weniger als 50 Prozent (des Normalwertes, Anm.) haben, so Hörl. Während in Tirol auf eine Million Einwohner "nur" 269 Dialyse-Patienten kommen, sind es in Wien 393 und in der Steiermark gar 508 pro Million Menschen. - In Westösterreich leben die Menschen gesünder.

Anämie

Rigorose Blutdruckkontrolle für Gefährdete, "scharfe" Blutzuckereinstellung bei Diabetikern sowie nierenschützende Medikamente können Menschen vor dem Nierenversagen retten. Doch selbst Personen mit Nierenversagen werden oft nur unzulänglich behandelt. Hier sollte es zur Behebung der oft vorliegenden Anämie (Blutarmut) durch die Verabreichung des Blutwachstumsfaktors Erythropoietin (EPO) kommen. Doch laut Hörl haben die meisten Dialysepatienten weiterhin zu wenig rote Blutkörperchen, was für sie gefährlich ist: "Die Patienten bekommen EPO nicht, die Sportler werden hingegen sehr wohl mit EPO 'behandelt'."

Generika-Debatte

Die gesundheitspolitische Gefahr liegt laut Holzer und dem Innsbrucker Nephrologen Gert Mayer auch in der Generika-Debatte: Die Nachahmepräparate seien 20 Jahre alte Medikamente. Man benötige aber dringend die innovativen Medikamente, um Patienten besser behandeln zu können. Schließlich sei erst zu prüfen, ob Generika-EPO oder ein Nachahmepräparat für Cyclosporin (Immunsuppressivum für Nierentransplantierte) wirklich genau so gut wie die Original-Medikamente wären. (APA)

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