Der Ekel vor Spinne und Schlange

20. Oktober 2003, 12:13
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Schluss mit psychoanalytischen Märchen: die Angst ist Millionen Jahre alt und rührt daher, dass giftige Tiere gefährlich sind

Rostock - Die Angst vor Spinnen und Schlangen ist nach Expertenmeinung mehrere Millionen Jahre alt und im Menschen tief verwurzelt. Die natürliche Furcht sei entstanden, als der Mensch in Stammesgruppen Afrika durchstreift habe und durch giftige Spinnen und Schlangen gefährdet gewesen sei, sagte der Rostocker Biologe Prof. Ragnar Kinzelbach in einem dpa-Gespräch. "Es war eine sehr sinnvolle Angst: Wer sich nicht fürchtete, wurde gebissen, starb und konnte sich also nicht fortpflanzen." Nur der Vorsichtige überlebte und gab sein Furchtverhalten an die Nachkommen weiter.

Die Angst kommt im Alter von drei Jahren

Kleinkinder haben zwar nach Kinzelbachs Erfahrungen bis zum Alter von zwei Jahren überhaupt keine Angst vor Spinnen. "Sie nehmen die Tiere völlig angstfrei in die Hand oder essen sie sogar." Dieses Verhalten höre aber mit Beginn des dritten Lebensjahres auf. Für den Biologen von der Universität Rostock ist dies ebenfalls entwicklungsgeschichtlich bedingt: "Bis zum zweiten Lebensjahr wurden die Kinder auf dem Arm oder dem Rücken getragen und kamen nicht direkt in Kontakt mit Krabbeltieren. Das ändert sich, wenn sie eigenständig auf dem Boden unterwegs sind." Die Angst vor Spinnen oder Schlangen sei bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt und werde durch Erziehung und Medien beeinflusst.

Angst in unseren Gebieten unbegründet

In Gebieten wie Deutschland sei diese Angst allerdings objektiv unbegründet, betonte der Direktor des Instituts für Biodiversitätsforschung. Das giftigste Tier sei die Kreuzotter. "Und an einem Kreuzotterbiss ist seit über 100 Jahren keiner mehr in Deutschland gestorben." Auch die Gefahr durch Spinnen sei nicht gegeben. Höchstens könne eine kräftige ausgewachsene "Dornfinger"-Spinne an einer weichen Stelle die Haut durchbeißen. "Das passiert aber äußerst selten und schmerzt dann lediglich wie ein Wespenstich." Unterschieden werden müsse zwischen der natürlichen und der krankhaften Angst. "Wenn sich Menschen etwa den ganzen Tag nicht aus der Wohnung trauen, weil eine Spinne auf der Türschwelle sitzt, dann ist eine Psychotherapie geboten." (APA/dpa)

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    Eine völlig harmlose Zitterspinne, die "Spinne des Jahres 2003". Das hellgrau-beige Spinnentier mit seinen bis zu fünf Zentimeter langen, dünnen Beinen sitzt in fast jedem Haus - meist unter der Zimmerdecke.

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