Fehlerhafter Heizlüfter löste das Kaprun-Inferno aus

15. Oktober 2003, 22:48
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Es war doch der Heizlüfter, der die Brandkatastrophe von Kaprun auslöste - Das Unglück nahm aber einen anderen Verlauf, als bisher bekannt war - Mit Kommentar

Das geht aus dem am Dienstag dem Gericht übergebenen Gutachten des neuen Brandsachverständigen hervor.

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"Alle Versuchsergebnisse und die daraus gewonnenen Erkenntnisse weisen darauf hin, dass der Brand in der 'Kitzsteingams' mit größter Wahrscheinlichkeit im Heizlüfter des talseitigen Führerstandes durch einen Materialfehler - Produktionsfehler - entstanden ist." Zu dieser Schlussfolgerung kommt der Brandsachverständige Helmut Prader in dem am Dienstag Richter Manfred Seiss vorgelegten neuen Gutachten über die Ursache des Brandinfernos von Kaprun.

Prader wurde als neuer Sachverständiger eingesetzt, nachdem Gutachter Anton Muhr aus gesundheitlichen Gründen aus dem Verfahren ausgeschieden war.

"Produktionsfehler"

Mit dieser Erkenntnis dürfte die Annahme erhärtet sein, dass der Heizlüfter der Marke "Fakir" Auslöser der Katastrophe war, die am 11. November 2000 zum Tod von 155 Menschen führte; nur zwölf Passagiere konnten sich damals über eine Nottreppe talwärts retten. Die Anklage muss somit nicht vollkommen neu aufgerollt werden. Allerdings könnte sich nach dem Befund "Produktionsfehler" die Diskussion in den weiteren Verhandlungen zusehends von dem Vorwurf der mangelnden Wartung durch die Betreiber der Unglücksbahn wegentwickeln und eher in Richtung Erzeugerfirmen bewegen.

Nach der Übergabe der Sachverständigengutachten soll das Verfahren am 18. November wieder im Salzburger Kolpinghaus fortgesetzt werden. Die Staatsanwaltschaft hat gegen 13 Beschuldigte einen Strafantrag wegen fahrlässiger Herbeiführung einer Feuersbrunst und gegen drei Beschuldigte wegen fahrlässiger Gemeingefährdung gestellt - die Strafdrohung beträgt fünf beziehungsweise drei Jahre.

Starke Luftströmung

Im Detail gehen die Gutachter nach eingehenden "makroskopischen und rasterelektronenmikroskopischen Untersuchungen" nicht mehr von ausgetretenem Hydrauliköl aus, das auf die glühende Heizspirale getropft ist, sondern von einem echten Gerätebrand. Dieser dürfte aufgetreten sein, nachdem durch eine gebrochene Befestigung von Ventilator und Heizstern im Gerät diese das Kunststoffgehäuse berührt und so das Gerät in Brand gesteckt hätten. Erst in Folge sei dann die Messleitung im Führerstand geborsten, Hydrauliköl wäre unter hohem Druck ausgetreten und in die Flammen gespritzt worden.

Durch diese "enorme Energiefreisetzung wurden alle im talseitigen Führerstand vorhandenen brennbaren Materialien in kürzester Zeit in Brand gesetzt", hält Prader fest. Die starke Luftströmung in dem 45 Grad geneigten Stollen der Standseilbahn auf das Kitzsteinhorn habe zur raschen Ausbreitung der Flammen beigetragen.

Brandstiftung ausgeschlossen

Gegen die These der schon vorher "schwitzenden" Leitungen spricht jedenfalls der Befund des Gutachters Karl Maurer, wonach "keine Rückstände eines Mineralöls" in der Dämmwolle vorhanden gewesen wären. Auch für einen elektrischer Defekt beim Kabelschacht, der Steckdose beziehungsweise bei den Scheinwerfern sowie bei den Notleuchtstäben finden sich in den dem STANDARD vorliegenden Zusammenfassungen der insgesamt mehrere Hundert Seiten starken Expertisen keine Hinweise. Brandstiftung kommt als Ursache eben so wenig infrage wie heiße Gegenstände (etwa Zigaretten) oder Fettablagerungen am Gleiskörper.

Die Verhandlung, in deren Rahmen am Dienstag die Gutachten dem Gericht übergeben wurden, verlief emotionell. Richter Seiss kam dem Wunsch von Anwalt Ivo Greiter, der unter anderem auch japanische Angehörige von Opfern vertritt, wenigsten die Schlussfolgerungen der Expertisen zu verlesen, nicht nach. Greiter wollte erreichen, dass die Angehörigen zumindest in groben Zügen informiert werden. "Ich möchte sie erst studieren, das dient der Sache mehr", so Seiss. (Thomas Neuhold/DER STANDARD; Printausgabe, 15.10.2003)

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