Terrorforscher: Anschläge im Irak "Teil eines globalen Heiligen Krieges"

16. Oktober 2003, 09:50
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Islamisten wollen "ultimative Front" eröffnen - Palästinenser verschicken "lebende Bomben"

Düsseldorf - Nach den jüngsten Anschlägen auf US-Soldaten im Irak hat der deutsche Terrorismusforscher Rolf Tophoven davor gewarnt, als alleinige Urheber die Gefolgsleute des gestürzten Machthabers Saddam Hussein anzusehen. Eine solche in den USA verbreitete Ansicht sei "verkürzt", sagte Tophoven am Dienstag der Nachrichtenagentur AFP in Düsseldorf. Die Selbstmordattentate seien vielmehr "Teil eines globalen Heiligen Krieges" militanter Islamisten, die sich die Vertreibung der Besatzungstruppen aus dem Irak zum Ziel gesetzt hätten.

Palästinenser verschicken "lebende Bomben"

Zur Begründung verwies der Leiter des Essener Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik (IFTUS) unter anderem auf neue Erkenntnisse israelischer Nachrichtendienste, wonach zwei palästinensische Gruppen zur Einschleusung von radikalislamischen Selbstmordattentätern in den Irak aufgerufen haben. So habe die palästinensische Organisation Islamischer Dschihad auf Internet-Seiten von der Entsendung "lebender Bomben" in den Irak berichtet. Auch eine weitere palästinensische Gruppe in Libanon unter Führung des Fatah-Kommandanten Oberst Munir Makdah habe die Entsendung militanter Fatah-Anhänger in den Irak bestätigt und die Einschleusung weiterer Attentäter angekündigt.

Tophoven betonte, auch in anderen Teilen der islamischen Welt würden Militante seit Monaten aufgerufen, sich im Irak zu sammeln und dort "die ultimative Front des Heiligen Krieges zu eröffnen". Viele dieser Aufrufe zum "Kamikaze-Terror" würden von islamischen Geistlichen wie beispielsweise dem Scheich Yussef Kardawi aus Katar unterstützt. Kardawi habe Selbstmordattentätern, die im Kampf gegen die USA und für die Verteidigung des Islam ihr Leben ließen, den Status von Märtyrern zugesprochen. Auch islamische Kleriker aus Syrien hätten Moslems in aller Welt aufgefordert, die USA anzugreifen.

Syrien öffnet Grenze für Terroristen

Zudem gebe es Dutzende radikalislamischer Internetseiten, auf denen zur Rekrutierung ehemaliger islamistischer Afghanistan-Kämpfer für den Irak aufgerufen werde. Nach israelischen Erkenntnissen habe darüber hinaus Syrien offenbar seine Grenzen zum Irak geöffnet, "um militanten Islamisten die Chance zu geben, in den Irak zu infiltrieren und die alliierten Truppen zu bekämpfen". Tophoven wertete die Häufigkeiten der Anschläge auf US-Soldaten und ihre Verbündeten im Irak als Beweis, "dass es sich hier um eine größere Bewegung handeln muss und nicht nur um ein versprengtes Häuflein von Saddam-Anhängern".

"Der Guerilla-Krieg im Irak kann lange dauern", sagte Tophoven. Aus US-Sicht müsse nun vorrangig sein, "so schnell wie möglich stabile zivile Verhältnisse im Irak herzustellen, eine Regierung unter entsprechender Beteiligung aller ethnischen Gruppen zu bilden und sich dann aus dem Land zurückzuziehen". Zwar drohe den Amerikanern angesichts der geopolitischen und geografischen Situation im Irak "kein zweites Vietnam". "Ich sehe allerdings ein zweites Vietnam in der psychologischen Wirkung auf die amerikanische Bevölkerung." Je länger die Auseinandersetzungen dauerten und je mehr die US-Verluste anstiegen, umso negativer würden die Auswirkungen auf die Regierung in Washington sein, betonte der IFTUS-Leiter. (APA)

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