Die Reifeprüfung

15. Oktober 2003, 23:00
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Man will nicht, dass wir in den Genuss reifer Früchte kommen, dass wir schmecken, was physiologische Reife bedeutet. Warum nicht?

Unlängst wieder ein besonders ärgerliches Erlebnis in der Obst/Gemüse-Abteilung eines bekannten Wiener Gourmet-Supermarktes am Graben gehabt: Auf der Suche nach irgendeiner reifen Frucht, die ich mir am folgenden Morgen gerne einverleibt hätte, stieß ich auf steinharte Mangos, krachend feste Papayas, strahlend grüne Bananen und drei verschiedene Pfirsich-Arten, die – wenn man sie auf jemanden geworfen hätte, ernsthafte Verletzungen hervorgerufen hätten, so hart und grün waren die.

Auf die Frage, wann er denn glaube, dass diese Mangos essbar wären, oder ob überhaupt jemals, antwortete der junge Mann etwas genervt, dass ich die Frucht halt in Zeitungspapier wickeln müsse, und in drei Tagen wäre sie dann schon okay. Sinngemäß fragte ich ihn, ob er irgendwie noch alles beisammen hätte, oder so, weil dass ich Warentermingeschäfte tätigen muss, wenn ich mir ein bisschen Obst kaufen wolle, hätte ich nicht erwartet. Er darauf, noch genervter, was ich mir denn überhaupt vorstelle, das sei doch Flugware, und wenn sie die Dinger reif ins Regal legen würden, würden die ja gleich vergammeln und all die Druckstellen, die da passieren würden, wenn die Leute fühlen, ob die Früchte reif sind, da ließe sich dann ja nichts mehr verkaufen.

Interessanter Standpunkt, fragt sich nur, ob sich was verkaufen lässt, was nicht einmal unter Höhensonne und massivem Einsatz von Reifegas zu einigermaßen reifem Geschmack erwächst. Aber vielleicht will man das ja auch gar nicht, vielleicht sollen die lustigen Früchte ja nur so zur Zierde im Regal liegen, weil sie so hübsch und ordentlich aussehen, wobei da würde ich vorschlagen, dass man vielleicht gleich zu Ware aus Wachs und Plastik greift, die hält ewig, kriegt keine lästigen Druckstellen, und der höhere Preis pro Stück rechnet sich nach spätestens einem Jahr sicher.

Apropos höherer Preis: Den findet man in diesem Innenstadt-Institut nämlich ziemlich eindeutig vor, was okay wäre, wenn ich mir sicher sein könnte, dass sich der Mehrpreis dadurch rechtfertigt, dass man mit reifer/qualitativer Ware operiert und daher eben größere Abmengen einkalkulieren muss.

Dass ich aber mehr zahle für Obst, das weder reif ist noch jemals reif sein wird, finde ich nicht fair. Oder wissen die in den Vorstandsetagen etwas, was ich nicht weiß? Dass reifes Obst schlecht für die Blutgefäße, die Prostata, die Hautalterung oder sonst was ist? Dass einen steinharte, grüne Früchte jung und frisch bleiben lassen, quasi ein Jungbrunnen sind? Wenn ja, okay, soll sein, ich hätte aber trotzdem gern eine Mango, die ich jetzt essen kann und nicht irgendwann, wenn die Amseln wieder singen.

Von Florian Holzer
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