Nikeplatz

29. September 2003, 18:00
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Frau H. ist sauer. Ziemlich sauer. Weil sie sich verarscht fühlt. Und verarscht, mailt Frau H., sei ein Wort, das..

sie sonst eigentlich weder über die Lippen noch über die Tasten brächte. Und das Schlimmste, schreibt Frau H., sei, dass sie ganz genau wisse, dass ihre Wut mittel- und langfristig nur denen in die Hände arbeite, gegen die sie immer aktiv war. In Bürgerinitiativen. In Aktionsgruppen. In 1001 Diskussionsgruppen. Sie sei, schreibt Frau H., nämlich mittlerweile Pensionistin und leiste sich nun eben den Luxus, den Mächtigen und Drüberfahrern auf die Nerven zu gehen. Das sei, meint Frau H., in gewissem Sinne ihre Form der Wiedergutmachung an der Enkelgeneration. Wiedergutmachung dafür, dass sie jahre- und jahrzehntelang nie aufgemuckt, nie nachgefragt oder einfach Nein gesagt habe.

Jetzt aber, schreibt Frau H., könne die Nachwelt sie gern haben. Und Schuld daran, schreibt Frau H., sei Konrad Becker. Der habe nämlich, ärgert sich die rüstige Rentnerin, vollbracht, was weder vereinnahmende Parteien, noch großkotzige Funktionäre oder gar arrogante Konzerne je geschafft hätten: Ihren Willen, sich zu widersetzen zu brechen. Denn von Multis, Medien und Politik in die Irre geführt, belogen und verkauft zu werden, sei sie ja gewohnt – aber wenn sie dann auch von angeblich kritischen, angeblich bürgernahen und angeblich engagierten Institutionen verarscht werde, reiche es ihr. Und mit ihrer Aktion zum Nike Platz hätten Konrad Becker und sein Verein Public Netbase sie sogar so weit gebracht, die Kronen Zeitung zu zitieren: Wem, fragt Frau H., könne man denn noch vertrauen?

Rettet den Karlsplatz

Dass es die Bürgerinitiative zur Rettung des Karlsplatzes nicht gibt, hat Frau H. ja schon vor ein paar Monaten mit einem verärgerten Schulterzucken, schreibt sie jedenfalls, zur Kenntnis genommen. Und deshalb auch das Massenmail mit dem Protestaufruf gegen den, so die Bürgerinitiative, Verkauf des Karlsplatzes an den Sportartikelkonzern Nike nicht ernst genommen. Bis sie – als Beinahe-Anrainerin des Karlsplatzes an dem Container mit dem Nike-Logo und den jungen Menschen mit den Nike-Platz-Flugblättern vorbeigekommen und dann auch auf der – angeblichen – Nikeplatz-Homepage gelandet sei. Da sei sie, schreibt Frau H., wirklich grantig geworden, habe sich maßlos aufgeregt und Mails und Briefe an Gott und die Welt verfasst.

Ein paar Tage später, schreibt Frau H., sei sie dann von ihren Bekannten beschimpft oder verlacht worden. Weil sich da die Public Netbase als Initiatorin sowohl des Nike-Containers als auch des Protests dagegen geoutet habe. Frau H.s Bekannte – durchwegs ältere aber doch noch sehr engagierte Leute, schreibt Frau H. - waren sauer. Weil Frau H. ihnen Zeit und Energie geraubt hatte (einige hatten – schließlich ist Frau H. für sie ja in Sachen BürgerInnenengagement authentisch und daher vertrauenswürdig – selbst Protestbriefe und Beschwerdemails verfasst). Andere, die Jüngeren, erklärten sie zur törichten Alten, die auch noch auf siebenundachtzigste Auflage des immer gleichen Schmähs von Konrad Becker und seinen Leuten hereinfalle – und lachten sie einfach aus.

Lieber Taubenfüttern

Für sie, erklärt Frau H., sei die Angelegenheit aber noch aus einem dritten Grund unangenehm. Sie habe das Gefühl, schreibt sie, dass es gar keinen Sinn machen würde, sich mit den Initiatoren des Verwirrspiels auf eine Diskussion darüber einzulassen, ob sie nicht befürchten mit derlei Aktionen genau jene Leute dauerhaft und wirkungsvoll zu vergraulen, die nicht Zugang zu den allerschnellsten und allerneuesten Informationsmitteln hätten. Sie jedenfalls, bedauert Frau H., habe weder die Zeit noch das technische KnowHow, bei jeder Initiative, deren Anliegen sie ansprechen bis ins fünfte oder sechste Glied zu recherchieren, ob denn da wirklich auch alles mit rechten Dingen zugehe. Und weil sie, wenn sie sich schon selbst irre, auf keinen Fall für die Irreführung anderer gutgläubiger Menschen, noch dazu in ihrem Bekanntenkreis, verantwortlich sein wolle, stehe für sie, schreibt Frau H., somit eines fest: Sie werde sich für nichts und niemanden mehr engagieren. Vielleicht käme sie ja irgendwann auf den Geschmack des Taubenfütterns als tagesfüllender Tätigkeit. Auch wenn ihr das im Augenblick noch etwas unwahrscheinlich scheine.

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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