Alles Mutter, oder was?

23. Oktober 2003, 17:28
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Für eine Politik, die Frauen am liebsten daheim sieht, ist Kinderbetreuung nachrangig - von Lisa Nimmervoll

"Ich kann leider nicht kommen, weil ich niemanden habe, der auf meine Kinder aufpasst." Das war wohl eher nicht der Grund, dass keiner der zuständigen Landeshauptleute Montagnachmittag beim runden Tisch zur Kinderbetreuung anwesend war. Sie hatten wohl Wichtigeres zu tun. Und das sagt schon einiges aus über die Bedeutung, die der ausreichenden Versorgung mit adäquaten Kinderbetreuungsplätzen in diesem Land zugemessen wird.

Seit Jahrzehnten sagt irgendwer: Mit den Kinderbetreuungsangeboten liegt es im Argen. Da müssen wir was tun, antwortet jemand anderer. Und geschehen tut meist nichts oder nicht genug. Und so kämpfen Eltern noch immer darum, überhaupt einen Betreuungsplatz für ihr Kind zu finden. Einen, für den ihr Kind nicht zu klein ist. Oder einen mit Öffnungszeiten, die sich mit der eigenen Berufstätigkeit vereinbaren lassen - mit dem Job der Mutter, wohlgemerkt. Denn das gilt mehr oder weniger offen propagiert noch immer als das Best-Practice-Modell.

Zumindest deuten das die Rahmenbedingungen an, mit denen Eltern, vor allem Mütter, zurande kommen müssen. Denn bei den vielerorts angebotenen Öffnungszeiten drängt sich schon die Frage auf, ob die Frauenerwerbstätigkeit - und in der Realität sind auch in Beziehungen, in denen Väter greifbar wären, noch immer die Mütter für die Kinder hauptzuständig - überhaupt gewollt ist. Gefördert wird sie zumindest nicht wirklich. Motto: Wer unbedingt arbeiten will, wird's schon irgendwie hinkriegen.

Manche soziale Wünschbarkeit muss ja gar nicht extra ausgesprochen werden. Da reicht es schon, wenn man bestimmte Fakten schafft. Die Wirklichkeit schmiegt sich dann oft aus pragmatischen Gründen an den Rahmen an.

Wer also keine Möglichkeit hat, seine Kinder versorgt zu wissen, wird sich wohl oder übel selbst darum kümmern müssen. Schön und gut. Mit Wahlfreiheit hat das nichts zu tun. Die, die sich ihre Freiheit kaufen können, werden von der Debatte um die Kinderbetreuungsplätze glücklicherweise ohnehin nicht tangiert.

Alle anderen dafür umso mehr. Tatsächlich ist der Stoff, aus dem die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gewebt ist, noch immer ein individuelles Strickwerk aus Omas, Leihopas, Gaststudentinnen und Nachbarn. Vor allem aber gelten Kinder noch immer als das Privatvergnügen von Frauen.

Genau da liegt die Crux mit der Kinderbetreuung. Dass es zu wenig öffentliche Unterstützung gibt, signalisiert den Müttern schlicht: Ihr müsst ja nicht unbedingt arbeiten gehen. Stattdessen kriegen sie Kinderbetreuungsgeld bar aufs Handerl. Über unerwünschte (oder heimlich erwünschte?) Nebenwirkungen informieren Studien: Frauen steigen länger aus dem Erwerbsleben aus, vor allem jene mit wenig attraktiven und finanziell prekären Jobs. Die individuellen Folgeschäden sind heftig: Unterbrochene Arbeitsbiografien rächen sich spätestens in der Pension. Auch so kann man das Pensionssystem entlasten . . .

Das Problem liegt darin, dass Kinderbetreuung ein zutiefst ideologisch besetztes Terrain ist, das mit grundlegenden Einstellungen zu Mutterschaft und Frauenerwerbstätigkeit zu tun hat. Solange die verantwortlichen Politiker von einem gesellschaftlichen Konsens ausgehen, wonach Frauen eigentlich am besten bei ihren Kindern aufgehoben sind - oder umgekehrt -, scheint es nachgerade logisch, dass der Pfad der Frauen in die Arbeitswelt entsprechend gestaltet wird: holprig. Nachhaltiger Nebeneffekt: So macht Kinderkriegen keinen Spaß.

Anders in Ländern mit flexiblen Kinderbetreuungsangeboten sowie frauen- und familienfreundlichen Rahmenbedingungen: Sie haben die höchsten Geburtenraten zu verzeichnen. Die jüngst in die Debatte geworfene Alternative "Kinder statt Party" muss demnach "Kinder und Job" heißen. Das bedeutet: Mit Service und Dienstleistungen ist Frauen, die erwerbstätig sein und Kinder haben wollen, mehr geholfen als mit zweifelhaften Geldtransfers. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2003)

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