Das unaussprechlich Fremde

13. Oktober 2003, 18:45
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Chris Harings neues Stück "Fremdkörper" im Tanzquartier Wien

Helmut Ploebst

Wien - Der eigene Körper ist ein Fremdling, ein Migrant, der uns auf unserer Lebenswanderung ins Jenseits lediglich kathartische Erfahrungen wie Bauchweh beschert. So etwa ist es überliefert. Lediglich in Momenten der Lust fühlt der Mensch sich seinem Körper nah. Und dann tanzen die beiden zuweilen vor Freude, als wären sie eins.

Hinter Fremdkörper, der neuen Arbeit des Wiener Choreografen Chris Haring, die zuletzt im Tanzquartier Wien Premiere hatte, steckt eine andere Behauptung. "Tanz, das heißt die rigorose Unterwerfung des Körpers", steht da im Ankündigungstext, "bedeutet bereits eine extreme Entfremdung von sich selbst." Als Choreografie gibt Fremdkörper jedoch keine derart gewagten Behauptungen ab.

Fünf Figuren, jede in ihrem eigenen Scheinwerferkegel. In einem sechsten ein Videomonitor. Fünf Leiber jagen der Fremdheit in ihrer Körperlichkeit nach. Genauer gesagt, sie zeigen diese Jagd in einer Liveperformance vor. Die dramatische Verfolgung erschüttert, dehnt und verformt die körperlichen Erscheinungen der beiden Frauen und drei Männer. Und gerade diese Tänzerleiber, die vor den Augen des Publikums ihren Körpern nachhetzen, sind sich selbst vertraut genug, um eine so schwierige Aufgabe erfüllen zu können.

Das heißt: Die Darsteller können so nur tanzen, weil ihnen nur Weniges an ihren Körpern wirklich fremd ist. Der einzige Fremdkörper auf der Bühne ist der Videomonitor, der stotternd verschwommene Münder, Gestalten und Worthülsen spuckt. Er liegt in seinem eigenen Scheinwerferkegel wie das Relikt eines antiquierten Sci-Fi-Körperkonzepts. Im Verhältnis zu den tanzenden Jägern - die ihre Körper im Stück nie einholen, als Tänzer aber zur Gänze innehaben - bedeutet der Monitor die Niederlage des Cyborgmonsters. Tanz ist heute überwiegend ein Training hin zum eigenen Körper, gerade das Gegenteil von Selbstentfremdung. So fallen konzeptuelle Fantasie und choreografische Realität auseinander.

Gewinner auf der Bühne waren die Tänzer, vor allem Stephanie Cumming, deren wandelbarer Körper das unaussprechliche Fremde unbeschreiblich sichtbar macht.

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