Pferdestärken aus den Niederlanden

14. Oktober 2003, 20:00
posten

"Dood Paard" gastierte im Schauspielhaus

Wien - Das Avantgardetheater der Niederlande liefert auf seinen ausgedehnten Tourneen den sprach- und sprechbetonten Theaterbühnen immer wieder Denkanstöße im Formalen. Fallweise sind diese Stöße aber auch bloß leichte Schubser. Gut, nur nicht ganz.

Die Formation "Dood Paard" etwa gab bei ihrer Gründung 1993 allein schon mit seinem Namen den Ton neuen Pop-Theaters an: Die "Toten Pferde" sind gewissermaßen eine Theaterband, die ihre "Liedtexte" eben spricht. Ihre postkapitalistischen Kostüme sind Mode, Label-Outfits.

Bevor dieses grunddemokratisch arbeitende Künstlerkollektiv bei den nächstjährigen Wiener Festwochen Gesine Danckwarts Heißes Wasser für alle reicht, zeigte es vergangene Woche vorneweg zwei Produkte seines Könnens am auf Internationalität ausgerichteten Schauspielhaus. Der Weisheit der Dakota-Indianer trotzend ("Wenn du entdeckst, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab"), trabten drei Schauspieler mit geballter "Dead Horse Power" durch eine von Oscar van Woensel aus mehreren Versionen abgefasste, englische medEia:

Hunderte im rasenden Durchlauf gezeigte Diabilder des globalen Dorfes sollten den beinahe regungslos verhandelten Text im Heute verankern. Detto: Sentenzen allgemein bekannter Popsongs (von John Lennon über Nick Cave bis Beck). Eine durchaus mögliche, auch willkommene Form der Antiken-Dramen-Lösung, der aber neben der berechenbaren Choreografie die große Beiläufigkeit (unter anderem im Sprechen) bald Barrieren setzte.

Die am vergangenen Freitag folgende Produktion Chinindrest take-away kam den Ansprüchen des Ensembles eher entgegen. Mit Tönen vom DJ-Mischpult wurde ein Abend im Fluss gehalten, der eine vierstimmige Redeschleife zog über "unvorstellbare Dinge" des Lebens. Die zwecks Zeichensetzung ("Darkness" am Pullover, "Paradise" am T-Shirt) einem ständigen Kleidungswechsel unterworfenen Schauspieler wurden vor zwei großen Leinwänden zu bloßen Sagern von losen Sätzen wie "I can't imagine having a son who becomes the president of Unilever" oder "I can't imagine taking the same elevator all the time" - ins Mikrofon. Sehr cool. Aber zugleich auch verdammt wenig Theater. (DER STANDARD, Printausgabe, 14. 10.2003)

Von Margarete Affenzeller
Share if you care.