Ende der Bewährungsfrist

23. Oktober 2003, 17:28
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Ausweitung des Konfliktes droht - von Gudrun Harrer

Die neue Gruppe, die sich am Montag mit Todesdrohungen gegen die Mitglieder des Regierungsrates und gegen alle mit der US-Besatzungsmacht zusammenarbeitenden Iraker zu Wort gemeldet hat, gibt Rätsel auf: Sie ist nach dem Neffen und Schwiegersohn des Propheten Muhammad benannt, Ali Ibn Abi Talib, der für die Sunniten der vierte rechtgeleitete Kalif nach Muhammad ist, für die Schiiten aber der erste ihrer Imame und von so überragender Bedeutung, dass er sogar im Glaubensbekenntnis vorkommt.

Nachdem vorige Woche im Schiiten-Elendsviertel Sadr City ein Anschlag verübt worden ist, dort erstmals Schiiten und Amerikaner in größerem Ausmaß zusammengestoßen sind und der junge radikale Schiitenführer Moktada al-Sadr eine Gegenregierung ausgerufen hat, ist die Sorge berechtigt, dass die Bewährungsfrist, die die religiösen irakischen Schiiten den USA gegeben haben, ganz allgemein dem Ende zugeht, auch wenn sich alle Vorfälle um Sadr drehten. Trotz ihres Namens halten Experten die neu aufgetauchte Gruppe aber eher nicht für eine rein schiitische, das sei zu simpel. Es klinge so, sagt etwa der Islamwissenschafter Peter Heine zum STANDARD, als ob da radikale Sunniten den Schiiten etwas in die Schuhe schieben würden. Vielleicht, um einen Keil mehr in das komplexe Verhältnis zwischen USA und religiöser irakischer Schia zu treiben.

Möglich ist aber auch, dass der Name der Gruppe ein Kompromiss ist: als Signal, dass sich radikale Sunniten und radikale Schiiten in ihrem Kampf gegen die Besatzer zusammengeschlossen haben. Die gute Nachricht dabei wäre, dass sich der schiitisch-religiöse Mainstream weiter vom bewaffneten Kampf fern hält, die schlechte, dass sich der Terror trotzdem vom "sunnitischen Dreieck" auf die Schiitengebiete ausbreiten wird. Und dass dann die US-Gegenmaßnahmen den Rest tun werden, um auch noch bisher nicht militante Schiiten hereinzuziehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2003)

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