Der goldene Baumschnitt im Schlosspark

15. Oktober 2003, 15:12
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Die ersten Hainbuchen waren in Schönbrunn ruck, zuck gefällt. Hält das Wetter, könnte die Heckensanierung sogar zwei Wochen früher fertig sein ...

... hofft Bundesgartenchef Peter Fischer-Colbrie.

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"Sehen Sie, das ist meine größte Freude", schwärmt Peter Fischer-Colbrie Dienstagvormittag im Schönbrunner Schlosspark. Doch es sind nicht die chirurgisch präzisen Baumschnitte, die den Chef der Bundesgärten enthusiasmieren. Schweres Gerät kappt entweder ruck, zuck die Hainbuchen direkt, wie mit der Gartenschere eines Giganten. Oder aber, die Bäume werden von den Eisenklammern erst vorsichtig zur Seite gebogen und dann die Stämme angesägt, um die historischen Figuren im Park nur ja nicht zu beschädigen.

Genau diese Statuen sind es auch, die es Fischer-Colbrie besonders angetan haben: "Verschwunden waren die - und wie sie jetzt frei stehen: Das wird die neue Attraktion im Park." Jetzt sehe man erst, dass die Figuren tatsächlich mit allen Details auf eine allseitige Besichtigung angelegt seien, erläutert der oberste Bundesgärtner bei einer Besichtigung des Blumenparterres mit dem STANDARD.

Auch zeige sich, dass die Statuen keineswegs derart windschief und eingesunken seien, wie von der Schönbrunner Schlossgesellschaft behauptet. "Bis vor drei Wochen war die ganze Diskussion zur Heckensanierung auf einer rein fachlichen Ebene - und dann hat die Schlossgesellschaft das auf diese emotionale Ebene gebracht", bedauert Fischer-Colbrie. Aus seiner Sicht sei "nicht eines der Gegenargumente richtig" gewesen.

Wie etwa jenes, dass Rodung, Einbau einer Bewässerungsanlage und Neupflanzung binnen zwei Monaten logistisch kaum machbar seien. Dienstagmittag war ein Viertel der Hecken zwischen Schloss und Neptun-Brunnen gefällt, bis zum Abend sollte es die Hälfte sein. Am Freitag will Fischer-Colbrie schon den ersten Teil der neuen Hecke präsentieren. Bei gutem Wetter könnte die Sanierung zwei Wochen früher fertig sein.

Neue Schnitthöhe

Die im Augarten bereits gezogenen Hainbuchen sind jetzt rund fünf Meter hoch - aber sie sollen auch niedriger als die alte Hecke gehalten werden. Die Schnitthöhe werde laut Fischer-Colbrie 7,5 Meter betragen - wie ursprünglich im Jahr 1780.

"In diesem Zeitraum wurden Gloriette und Neptun-Brunnen gebaut - damals wurde Schönbrunn zum ersten Mal fertig", argumentiert der Bundesgärten-Chef. Die Pflanzlinie der Hecke wird ebenfalls nach diesem Vorbild hinter den Statuen gesetzt. "Dadurch werden im Blumenparterre die alten Größenverhältnisse wiederhergestellt - durch das Vorwachsen der Hecke ist der ursprüngliche goldene Schnitt in den Proportionen verloren gegangen."

Dass zuletzt noch mehr als 130 Künstler und Historiker gegen die Rodung protestierten, ärgert Fischer-Colbrie nicht, es verwundert ihn nicht einmal. "Ich hätte das auch unterschrieben, wenn ich derart einseitig informiert worden wäre." Ein Detail: Dieser Aufruf sei laut Fischer-Colbrie von einer Frau im direkten Umfeld der Schönbrunner Schloss-Geschäftsführung verfasst worden. (Roman Freihsl/DER STANDARD; Printausgabe, 15.10.2003)

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