"Der Faschismus ist das erste ... zwischen Mann und Frau"

15. Oktober 2003, 07:00
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Vor 30 Jahren starb die bedeutende österreichische Literatin Ingeborg Bachmann - ein Porträt zum Todestag

"Der Faschismus ist das erste in der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau", dieses Zitat der österreichischen Dichterin und Autorin Ingeborg Bachmann ist weithin weniger bekannt als jenes von der Wahrheit, die dem Menschen zumutbar sei. Und doch besteht eine Verbindung zwischen beiden. Obwohl Ingeborg Bachmann posthum als "schreibende Märtyrerin" ikonisiert wurde, riss sie sich doch zuweilen zu optimistischen Äußerungen hin wie jener, dass Veränderung möglich sei: "Und die veränderte Wirkung, die von neuen Werken ausgeht, erzieht uns zu neuer Wahrnehmung, neuem Gefühl, neuem Bewusstsein".

Bachmann war ihrer Zeit weit voraus. In ihrem Werk stellt sie weibliche Subjektivität in den Kontext einer männlich geprägten Normalität/Welt, noch bevor der Feminismus eine breite Bewegung geworden war. Wirkung zeigte diese Art der literarischen Darstellung auch insofern, als sie von der Frauenbewegung an- und weitergebracht wurde. Das Bachmann'sche Werk rüttelt auf, indem es den Schleier des Politischen lüftet, um zu zeigen, es gibt keine private Sphäre, die frei ist davon. Schon gar nicht, die der Frauen.

Sich selbst hat Bachmann nie als Feministin bezeichnet. Im Gegenteil hat sie sich von der Frauenbewegung der 70er-jahre distanziert. Und doch scheute sie nicht, das darzustellen, was aufzuzeigen allgemein gesellschaftlich unerwünscht ist: die Zurichtung von Frauen durch die patriarchale Gesellschaft. Besonders deutlich wird dies in in den Prosa-Werken "Malina" (1971), "Simultan" (1972) und in den erst nach ihrem Tod veröffentlichten Büchern "Der Fall Franza" und "Requiem für Fanny Goldmann". Und auch ihre Erzählungen "Ein Schritt nach Gomorrha" und "Undine geht" (1961) werden zu den ersten feministischen Äußerungen deutschsprachiger Literatur nach dem Krieg gezählt.

Privatim lebte die Bachmann unbürgerlich und "wie ein Mann". Die Ehe war für sie "eine unmögliche Institution ... für eine Frau, die arbeitet und die denkt und selber was will".

Biografische Daten

  • 1926 bis 1950

    Am 25. Juni 1926 wird Ingeborg Bachmann als älteste Tochter von drei Kindern der Familie Bachmann in Klagenfurt geboren. Nach der Matura studiert sie Philosophie, Psychologie und Germanistik in Innsbruck, Graz und Wien und promoviert über "Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers" zur Doktorin der Philosophie. Zu dieser Zeit setzt sie sich auch mit der Sprachkritik Wittgensteins auseinander und schreibt Essays über Musil und Proust. Privat steht sie in Kontakt mit Ilse Aichinger und Paul Celan.

  • 1951 bis 1955

    Zwischen 1951 und 1953 ist Bachmann als Redakteurin und Lektorin beim Wiener Sender Rot-Weiß-Rot beschäftigt. Sie verfasst ihr erstes Hörspiel "Ein Geschäft mit Träumen", einige ihrer Gedichte und Prosa-Arbeiten werden erstmals in Zeitschriften abgedruckt. Ihre Freizeit verbringt sie im Wiener Café "Raimund", wo Hans weigel eine Gruppe von KünstlerInnen um sich schart. 1952 gelingt ihr bei einer Lesung der Gruppe 47 in Niendorf an der Ostsee der Durchbruch. Schlagartig wird sie mit ihrer Lyrik im deutschsprachigen Raum bekannt. Ein Jahr später wird sie für ihren Gedichtband "Die gestundete Zeit" ausgezeichnet. Ingeborg Bachmann verlässt dann Wien, um nach Ischia/Italien zu gehen, wo sie anfangs als politische Korrespondentin unter dem Pseudonym Ruth Keller für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung schreibt.

  • 1955 bis 1960

    Ab 1955, in diesem Jahr erscheint auch ihr Essay "Was ich in Rom sah und hörte", arbeitet sie mit dem Musiker Hans Werner Henze zusammen; er liefert die musikalische Untermalung für ihr Hörspiel "Die Zikaden" und sie fertigt die Textfassungen für Henzes Ballettpantomime "Der Idiot" und die Oper "Der Prinz von Homburg" an. 1956 veröffentlicht Bachmann ihren Gedichtband "Anrufung des Großen Bären". Darin findet sich, so die Biografin Hertha Kratzer, der "bittere Beigeschmack des Versäumnisses", dass es ist nicht möglich sei, "das 'Ich' mit dem 'Du' dauerhaft zu verbinden". Ein Jahr darauf wird sie mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet. Von 1957 bis 1958 arbeitet sie als Dramaturgin beim Bayrischen Fernsehen in München und wird kurz darauf zum Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt gewählt. 1959 wird sie als erste Dozentin auf den Lehrstuhl für Politik an der Uni Frankfurt berufen, wo sie Vorlesungen zum Thema "Literatur als Utopie" hält. Zwischen 1958 und 1963 ist Ingeborg Bachmann mit dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch liiert, mit wechselnden Wohnsitzen in Zürich und Rom. Als sie sich trennen, fällt Bachmann in eine schwere Krise, sie versucht daraufhin eine Heilung ihrer Alkohol- und Medikamentensucht (tablettenabhängig war sie seit einer medizinischen Fehlbehandlung) in Sanatorien und Spitälern. Als Frisch's Roman "Mein Name sei Gantenbein" erscheint, fühlt sie sich verraten, zu sehr machte er ihre Liebesgeschichte öffentlich. 1959 erhält sie für das Hörspiel "Der gute Gott von Manhattan" den Hörspielpreis der Kriegsblinden. Das oft verwendete Zitat "die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar" stammt aus ihrer Danksagung beim Überreichen des Preises.

  • 1961 bis 1973

    Für die Erzählung "Das dreißigste Jahr" (1961), wird Bachmann mit dem Berliner Kritikerpreis ausgezeichnet. 1964 wird ihr der "Georg Büchner Preis" verliehen. Mit der Veröffentlichung des Essays "Die geteilte Stadt" gelingt ihr 1965 die Allegorie eines krankhaften Geschichtszustandes. 1968 erhält sie schließlich den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur. Noch im selben Jahr verabschiedet sie sich von der Lyrik - Bachmanns letzte Gedichte erscheinen in Hans Magnus Enzensbergers "Kursbuch" - und bringt 1971 ihren ersten Roman "Malina" heraus. Es ist sozusagen der Startschuss für die Befassung mit frauenrelevanten Themen. In "Malina" erzählt Bachmann die Geschichte einer Frau, deren Selbstverwirklichung an der Egozentrik ihres Partners scheitert. 1972 publiziert sie den Erzählband "Gier" und erhält den Anton-Wildgans-Preis.

    Ingeborg Bachmann stirbt am 17. Oktober 1973 an den Folgen von Verbrennungen, die sie sich bei einem Brand in ihrer Wohnung in Rom zugezogen hatte. Es wird vermutet, dass eine brennende Zigarette Ursache der Katastrophe war. (dabu)

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      Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann starb 47-jährig in Rom.
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      Undatiertes Jugendbild
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