Nobelpreisträgerin fordert Reformen

13. Oktober 2003, 11:00
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Ebadi: "Steinigung, Amputationen abschaffen" - Weggefährtin Lahichi: "Iranische Frau ist selbst fähig"

Die iranische Anwältin Shirin Ebadi hat nach der Verleihung des Friedensnobelpreises in einem Interview für die französische Zeitung Le Monde die Forderung nach einschneidenden Reformen erhoben. Die Entscheidung des Nobel-Komitees werde alle KämpferInnen für die Menschenrechte und die Zivilgesellschaft im Iran stärken und ermutigen.

Ebadi sprach sich für eine scharfe Trennung von Kirche und Staat aus und forderte tief greifende politische, gesellschaftliche und Bürgerrechtsreformen. Die erste Reform, die sie durchsetzen würde, wäre die Abschaffung der Strafen des islamischen Rechts durch ein modernes Strafrecht. "Die Steinigung und die Amputation von Gliedmaßen müssen abgeschafft werden, und die Strafmündigkeit, derzeit 13 Jahre für Mädchen und 15 für Knaben, muss geändert werden. Das ist wesentlich, weil es direkt mit Freiheit, Leben und Sicherheit der Bevölkerung zu tun hat", meinte Ebadi.

Im Iran haben am Samstag - am Sonntag erschienen wegen eines islamischen Feiertags keine Zeitungen - fast alle liberalen Blätter dem Thema große Aufmacher, aber keine Kommentare geliefert. Die Meldungen beschränkten sich auf Ebadis Biografie sowie Kommentare von ausländischen PolitikerInnen und Medien. Das staatliche Fernsehen brachte die Meldung nur kurz in den Spätnachrichten.

Abgesehen von einer privaten Äußerung eines Regierungssprechers am Freitag war der iranische Kulturminister Ahmad Masjdedgameie das höchste Regierungsmitglied, das in einem Brief an Ebadi die Verleihung des Friedenspreises an eine iranische Frau als eine Ehre für die Iranerinnen gepriesen hat. Mohamadali Abtaai, ein enger Berater des Präsidenten Khatami begrüßte die Verleihung des Nobelpreises an eine Iranerin und meinte, dass er stolz darauf sei.

Selbst fähig

Shahla Lahichi, eine Weggefährtin von Ebadi und die Herausgeberin ihrer Bücher, meinte, die Preisverleihung an Ebadi sei ein Zeichen, dass die iranischen Frauen selbst und ohne jede ausländische Einmischung fähig sind, über ihre Angelegenheiten zu entscheiden. Asdolah Badamchian, ein einflussreicher Ideologe der Konservativen, meinte, falls dieser Preis wegen der Durchsetzung der westlichen Ideale im Iran verliehen worden sei, müsse man das als eine "Schande" für sie bezeichnen.

Frau Ebadi war eine der ersten Richterinnen im Iran. Nach der islamischen Revolution 1979 musste sie ihre Tätigkeit als Richterin einstellen, weil nach Ansicht der Geistlichkeit diese mit den islamischen Gesetzen nicht vereinbar war. Die 24-jährige Jurastudentin Nasrin meinte gegenüber dem STANDARD, die Nobelpreisentscheidung sei ein Zeichen an alle Mullahs: "Sie sollen endlich begreifen, dass die iranischen Frauen die gleichen Fähigkeiten wie die Männer besitzen."

Farshad Ebrahimi, ein früheres Mitglied der Ansar Hesbolah, einer konservativen Schlägertruppe, dessen Aussagen zu einer Teilaufklärung der Ereignisse bei den Studentenunruhen vor dreieinhalb Jahren führte, meinte als Reaktion auf die Nobelpreisverleihung: "Als niemand bereit war, nach meinem Austritt aus dieser Organisation meine Verteidigung zu übernehmen, hatte nur Frau Ebadi den Mut, diese schwere Aufgabe zu übernehmen. Sie ist eine mutige Frau, und sie hat zu Recht diesen Preis bekommen."

Irans Frauenorganisationen bereiten sich indes vor, Ebadi bei ihrer Rückkehr nach Teheran am Dienstagabend mit einer großen Willkommensdemonstration zu empfangen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom13.10.2003)

Amir Loghmany aus Teheran
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