E-Business bald so normal wie Strom

19. Oktober 2003, 20:22
posten

Unter den Forschungslabors im weltberühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) ist auch ein Center for E-Business. Dessen Leiter, David Verrill, war kürzlich auf Einladung des Kompetenzzentrums Evolaris in Graz. Colette M. Schmidt sprach mit ihm

STANDARD: Internet ist längst Geschäftsalltag geworden. Kaum ein Unternehmen hat nicht seine eigene Website, viele versuchen es mit E-Business, manche bleiben zurückhaltend. Ist die Spitze erreicht?

David Verrill: Nein, ganz im Gegenteil, ich glaube E-Business kann gar nicht mehr anders als noch viel mehr wachsen. Es ist aber kein eigener Zweig, sondern die Wirtschaft als Ganzes wandelt sich und wird allmählich selbst zum E-Business.

STANDARD: Aber nicht nur Geschäftsleute sind vorsichtig. Viele Endverbraucher fragen sich, wie sicher das Internet wirklich ist. Schon denkt man, dass Bereiche wie Onlinebanking sich nicht durchsetzen werden.

Verrill: Das Internet ist sehr sicher. Und die Leute werden dieses Medium bald so selbstverständlich annehmen wie den elektrischen Strom, den die Menschen zuerst auch skeptisch beäugt haben. Es hat auch Jahrzehnte gedauert, bis man den ganzen Einfluss von Elektrizität auf die Wirtschaft begreifen konnte. Ich glaube, dass in etwa fünf Jahren das alles kein Thema mehr sein wird und dass wir unsere Bemühungen für E-Business dann genauso gut beenden könnten und uns neuen Bereichen widmen werden.

STANDARD: Glauben sie, dass die Einführung der digitalen Signatur, wie sie in Österreich diskutiert wird, den Leuten mehr Sicherheit geben könnte?

Verrill: Es kann natürlich sein, dass sich die digitale Signatur noch durchsetzen wird, aber ich glaube es eigentlich nicht. Zurzeit ist sie bei uns am Institut und auch in der US-Wirtschaft kein wirkliches Thema. In meinen eigenen Firmen schicke ich den Mitarbeitern Verträge via E-Mail, die sie dann ganz normal mit der Hand unterschreiben. So einfach geht das.

STANDARD: Aber bei Bankgeschäften könnte dieses System die aufwändige Bestätigung von Aufträgen mit immer neuen Transaktionsnummern ablösen.

Verrill: Offen gesagt kenne ich diese Codes nicht. Wenn ich im Internet Rechnungen bezahle, drücke ich einfach auf einen O.-K.-Button. Der Rest liegt dann bei meiner Bank, der ich vertraue. Da dürfte das System in Österreich doch etwas komplizierter sein.

STANDARD: Wie kann man also das Vertrauen der Konsumenten gewinnen, damit sie den virtuellen Markt nutzen?

Verrill: Ganz einfach, indem sie es ausprobieren. Unternehmen wie das Onlineauktionshaus E-Bay würden nicht so gut funktionieren, wenn die Kunden dauernd um ihr Geld betrogen würden. Es ist nicht anders als abseits vom Netz: Ein Geschäftspartner, der einen übers Ohr haut, wird kein zweites Geschäft mit einem abschließen können. Nur dass man etwa bei E-Bay sogar die komplette Geschichte des Anbieters samt Referenzen früherer Kunden gleich mitgeliefert bekommt.

STANDARD: Sie haben den Einfluss des Internet auf die Wirtschaft beschrieben. Muss man Arbeitsplatzverluste fürchten, wenn Firmen das Netz mehr für den Geschäftsalltag nutzen?

Verrill: Dazu gibt es ein gutes Beispiel zweier großer amerikanischer Firmen, die Privatpersonen bei ihren Anlagen beraten, zum Beispiel mit Bildungsfonds für Kinder oder mit Haushaltsfinanzplänen. Eine der beiden Firmen arbeitete mit 15.000 persönlichen Anlageberatern, die ins Haus kamen und mit den Kunden ein Vertrauensverhältnis aufbauten. Die Konkurrenz machte das alles Zeit und Kosten sparend über das Internet. Als nun ein Controller der ersten Firma vorschlug, die 15.000 Mitarbeiter zu entlassen und Geld zu sparen, verlor er - zu Recht - seinen Job. Denn diese Mitarbeiter sind eine sehr wertvolle Ressource. Stattdessen bestückte man sie mit Laptops, die sie mit in die Wohnzimmer ihrer Kunden brachten, um ihnen anhand von Tabellen Finanzpläne zu veranschaulichen. Nach diesem ersten persönlichen Kontakt, kommunizierten sie mit E-Mail und änderten das Tarifsystem für die Beratungen. Das Unternehmen steht heute um nichts schlechter da als die Konkurrenz. Es geht um intelligente Lösungen. So kann das Internet eigentlich nur nützen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 10. 2003)

Share if you care.