Muhammad Ali und der Schlafanzughase

12. Oktober 2003, 20:20
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Kaum Neues auf der Frankfurter Buchmesse. Für die Zukunft des Buches sorgen die Leser von morgen selbst - in einem Projekt schreiben Kinder selbst

Die 55. Frankfurter Buchmesse bot trotz gegenteiliger Vermarktung kaum Neues. Für die Zukunft des Buches sorgen die Leser von morgen stattdessen selbst. In einem Leipziger Projekt schreiben Kinder ihre eigenen Bücher.


Berlin - "Neue Seiten" versprach nicht nur das diesjährige Gastland Russland für Frankfurt, auch der neue Direktor der Buchmesse, Volker Neumann, der die Vorbereitung der Schau heuer erstmals zur Gänze verantwortete, setzte seinen Ehrgeiz daran, dem Publikum möglichst viel Neues zu bieten. Nicht zufällig hatte er sich ein Buch als Plakatmotiv erkoren, das, in einen Frischhaltebeutel eingeschweißt, "100 % fresh" zu sein versprach. Das Buch als Frischware - das ist, sollte man meinen, auf einer Messe der Buchneuheiten so überraschend neu nun nicht.

Wie Neumanns Innovationen denn auch bei näherer Betrachtung insgesamt eher kosmetischer Natur blieben. So geleitete den Besucher erstmals die offenbar unverzichtbare Musikbeschallung durch die Messegänge - Beatles-Songs ertönten, wo einst nur das Summen der Zigtausend zu hören war. "Penny Lane is in my Ear . . .".

Inhaltlichen Mehrwert hatte die Einrichtung von Foren versprochen, Arenen gewissermaßen, in denen Themenveranstaltungen zu einzelnen Schwerpunktgebieten angeboten werden sollten: Belletristik, Comic, Hörbuch, Kinder- und Jugendbuch. Neumanns umfassender Vermarktungsstrategie entsprechend erwiesen sich jedoch auch die Foren primär als Werbeflächen, von den Verlagen stundenweise angemietet, ihre Ware feil zu bieten.

Zumal das pompös beworbene Forum "Film und TV" erinnerte an Neumanns Herkunft als einstiger Geschäftsführer der Bertelsmann-Verlagsgruppe Random House. Für Verlagsriesen wie Random House gilt die Ware Buch als Ausgangsprodukt einer langen Kette von Zweitverwertungsmöglichkeiten. Weshalb über die Leinwand des "Film und TV"-Forums unablässig drittklassige Literaturverfilmungen flimmerten.


Mensch als Ware

Laut umworben wurden medienwirksame Buchpräsentationen wie die Muhammad-Ali-Biografie des Taschen Verlags, für die man den schwerstkranken Exboxer, der selbst längst zur Ware der Marktstrategen geworden ist, in einen eigens errichteten Boxring hievte, wo er, des Sprechens unfähig, einige Minuten auszuharren hatte.

Solche spektakulären Aktionen und die Erweiterung der Öffnungstage für das Publikum um Freitagnachmittag und Montagvormittag werden Volker Neumann allen inhaltlichen Fragwürdigkeiten zum Trotz schließlich auch das bescheren, worin sich sein Erfolg beziffert: die Steigerung der zuletzt sinkenden Besuchszahlen.

Wahrhaft interessante Entdeckungen bietet dennoch jede Buchmesse - abseits aller Foren - durch das Engagement einzelner Aussteller. So ist seit einigen Jahren ein verstärktes Interesse für den Bereich der Kinder- und Jugendliteratur festzustellen, die heute bereits rund zehn Prozent des Buchhandelsumsatzes ausmacht und mit über zwanzig Prozent aller Lizenztitel, zumal im asiatischen Raum, dem deutschen Buchmarkt die meisten Übersetzungen beschert.


Kinder als Autoren

In der Halle der Kinderbuchhändler fand sich denn auch eines der bemerkenswertesten Projekte der diesjährigen Buchmesse - dessen Nachahmung für Österreich hiermit dringend empfohlen sei. In Leipzig wurde vor zwei Jahren der "Freundeskreis Buchkinder e. V. - Kinder machen Bücher" gegründet. Eine Bücherwerkstatt ermöglicht Kindern und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren, eigene Geschichten aufzuschreiben und zu zeichnen.

Die fertig gestellten Kunstwerke - deren Fertigung oft ein Jahr in Anspruch nimmt, da die Autoren, wie alle Künstler, nicht gleich bleibend kreativ gelaunt sind und auch mal lieber nur spielen - werden anschließend liebevoll gedruckt und gebunden und in Auflagen von bis zu fünfzig Stück verkauft. Über siebzig Kinder zählen mittlerweile zu den engagierten Autoren, über dreißig wundervolle Bände gingen bereits aus dem Projekt hervor und sind für wohlfeile 22 Euro im Internet zu erwerben - wirklich wichtige Geschichten wie jene vom "Schlafanzughasen" oder dem "Ihnsecktendorf". (DER STANDARD, Printausgabe vom 13.10.2003)

Von
Cornelia Niedermeier aus Frankfurt/Main

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BuchKinder.de

  • Die philosophische Kuh Mariluise ist eine der Mitbewohnerinnen der "Schtute Jule" im gleichnamigen Buch der siebenjährigen Autorin Anne Cwienk aus Leipzig.
    abb.: "die schtute jule"

    Die philosophische Kuh Mariluise ist eine der Mitbewohnerinnen der "Schtute Jule" im gleichnamigen Buch der siebenjährigen Autorin Anne Cwienk aus Leipzig.

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