Philharmonischer Russischkurs

16. Oktober 2003, 20:08
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Die Wiener Philharmoniker im Musikverein

Wien - Zum vergangenen Wochenende haben die Wiener Philharmoniker ihren Abonnenten einen Russisch-Intensivkurs verpasst. Russischer Dirigent (Mstislaw Rostropowitsch), russisch-israelischer Solist (Yefim Bronfman) und russische Komponisten (Tschaikowsky und Schostakowitsch).

Peter Iljitsch Tschaikowskys b-Moll-Klavierkonzert eignet sich bestens zu "Russisch für Anfänger". Zumal sein pastoses Eingangsthema den meisten Anwesenden ja als gerne gewähltes Handyklingelzeichen längst schon vertraut ist. Dieser schlagerhafte Bekanntheitsgrad des Werkes wurde diesmal auch zum archimedischen Punkt seiner Interpretation.

Dirigent, Solist und die Philharmoniker ließen keinen Effektkalauer ungenützt, um dieses Werk mit höchster technischer Bravour in all seiner Süffigkeit vorbeirauschen zu lassen. Vom gellenden Jubel übermannt, durften sich schließlich auch Dirigent und Solist nach guter alter Slawenart zum obligaten dreifachen Bruderkuss glücklich in die Arme fallen.

Die im zweiten Teil folgende 11. Symphonie von Dmitri Schostakowitsch könnte man als "Russisch für Fortgeschrittene" bezeichnen. Und zwar in mehrfacher Hinsicht. Fungiert doch ihr auf das Massaker der Zarenpolizei an protestierenden Bürgern verweisender Titel "Das Jahr 1905" nur als Maske, hinter der Schostakowitsch im Jahr 1957 gegen die ein Jahr zuvor erfolgte Niederschlagung des Ungarnaufstandes durch die Sowjettruppen Protest einlegen wollte.

Mstislaw Rostropowitsch weiß als Zeit- und Kunstzeuge, wie dieser Protest zu klingen hat. Und er nimmt und lässt sich Zeit für dieses insgesamt schwierige, um nicht zu sagen in seinem vordergründigen Dualismus zwischen verhaltener Stille und dröhnenden Ausbrüchen etwas plakativ wirkende Werk.

Um alle Zitate aus populären russischen Liedern und alle von den Trommelfellen der Schlagwerkbatterien gegen jene der Zuhörer dröhnenden rhythmischen Ekstasen voll zur Geltung zu bringen, braucht er fast 20 Minuten länger als seine Kollegen. Der herzliche Applaus bewies, dass dem Publikum die Zeit trotzdem nicht lang wurde. (DER STANDARD, Printausgabe vom 13.10.2003)

Von
Peter Vujica
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