Auf verlorenem Posten - Von Thomas Mayer

20. Oktober 2003, 14:29
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Die AUA-Piloten kämpfen um Lohnstrukturen aus vergangenen "goldenen Zeiten"

Piloten sind in aller Regel äußerst verantwortungsvolle und disziplinierte Leute. Sie werden laufend darauf trainiert, ihre Emotionen im Griff zu haben, topfit zu sein, um Entscheidungen vor allem kühl und kalkuliert treffen zu können. Schließlich kann ein Pilotenfehler den Absturz und Hunderte unschuldige Opfer nach sich ziehen.

So sehen sich die "Kapitäne der Lüfte" auch selber gerne. Und so gesehen müsste man eigentlich davon ausgehen, dass die von den Pilotenvertretern initiierten Flugblockaden bei den Austrian Airlines genau so berechnet wurden wie eine Flugroute durch Atlantikstürme - sodass am Ende eine Gehaltstarifpunktlandung hingelegt wird, weil das Management der Fluglinie einlenkt und die Pilotengehälter unangetastet lässt.

Triste Situation

In der Realität der sich unaufhaltsam weiter nach Osten öffnenden EU-Märkte und verstärkt durch die nach wie vor triste Situation, in der sich die europäischen Fluggesellschaften seit den Anschlägen vom 11. September, der Sars-Epidemie und den Folgen des Irakkrieges befinden, sieht es freilich ein wenig anders, trister aus: Das AUA-Flugpersonal dürfte sich verrechnen.

Aber wenn's ums Geld geht, brennen sogar Piloten leicht die Sicherungen durch. Dafür gibt es seit 2001 mit Swissair und der belgischen Sabena zwei Fallbeispiele.

Beide endeten mit dem Konkurs einst stolzer staatlicher Fluglinien und Exmonopolisten, weil die Unternehmen als Ganzes auf notwendige Umstrukturierungen nicht rechtzeitig, nicht energisch genug reagiert haben - und weil es grundsätzlich fraglich ist, ob eigene nationale Vollcarrier sich in kleinen EU-Ländern überhaupt halten können.

Beispiel Sabena

Gewiss: Die Hauptverantwortung für einen wirtschaftlichen Crash trägt immer das Management. Aber die Belegschaften können durch starrsinniges Verhalten und überzogenen gewerkschaftlichen Strukturkonservativismus zur falschen Zeit durchaus einiges zum Untergang ihrer Firma beitragen.

Bei der einstigen belgischen Sabena - jahrzehntelang wichtige Linie von Europa nach Afrika - ließ sich das anschaulich beobachten: Die Zeitungen schrieben im September 2001 bereits vom drohenden Konkurs. Und die Eigentümer Swissair und belgischer Staat versuchten, doch noch einen Kapitalnachschuss zu organisieren.

Da traten plötzlich die Piloten in einen wilden Streik, Dutzende Millionen Euro Verlust kamen dazu. Acht Wochen später war Sabena tot - und 30.000 Mitarbeiter samt Familienangehörigen verloren ihre Existenz.

Zweischneidiges Schwert

Von so einem Schicksal mögen die AUA und ihre Beschäftigten noch weit entfernt sein. Da die Österreicher in den vergangenen Jahren das Ostgeschäft geschickt zu nutzen verstanden, stehen sie weit besser da als Sabena und Swissair zuletzt mit ih- ren teuren Interkontinentallinien.

Aber in falscher Sicherheit haben sich die Schweizer und die Belgier auch lange gewogen, ehe "die nationale Katastrophe", wie es dann hieß, über die jeweiligen Länder hereinbrach. Und es ist eben ein ungünstiges Faktum, dass die AUA ein milliardenschwer verschuldetes Unternehmen ist, mit vergleichsweise sehr hohen Lohnkosten für die Piloten. Die gehen letztlich auf die "goldenen Zeiten" zurück, als Österreich noch nicht in der EU und der Markt fein abgeschottet war.

Nur ein Zwischenspiel

Das ist vorbei, ab Mai 2004, wenn die Union sich um zehn Länder vergrößert, wenn die Grenzen des Binnenmarktes sich weiter nach Osten verschieben, wird der Reformdruck im Infrastrukturbereich weiter wachsen.

So betrachtet ist das, was den AUA-Piloten heute widerfährt, nur ein Zwischenspiel. Wie Mitte der 90er-Jahre bei Liberalisierung des Telekomsektors, der den Bürgern ein Mehrfaches an Leistung zu niedrigeren Tarifen brachte, wird es nicht nur bei Fluglinien, sondern auch auf der Schiene, im Energiesektor zu mehr Markt und Wettbewerb kommen - mit allen Spannungen. Das kann man bedauern. Aber es wäre fahrlässig, solche Entwicklungen zu leugnen. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 13.10.2003)

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