Auszüge aus der Rede Susan Sontags

12. Oktober 2003, 14:43
posten

"Das neue 'deutsche Problem' besteht nun offenbar darin, dass sich die Deutschen vom Krieg abgestoßen fühlen"

Frankfurt/Main - Auszüge aus der Rede Susan Sontags bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Wortlaut:

"(...) Umso mehr bedauere ich die Abwesenheit des Botschafters der Vereinigten Staaten, Mr. Daniel Coats, der schon im Juni, gleich nach der Bekanntgabe des diesjährigen Friedenspreisträgers, die Einladung des Börsenvereins zu der heutigen Veranstaltung abgelehnt hat und auf diese Weise deutlich macht, dass ihm an einer Bekräftigung der ideologischen Position und des verbitterten Unmuts der Regierung Bush mehr liegt als daran, die Interessen und das Ansehen seines - und meines - Landes zu vertreten, indem er einer normalen Diplomatenpflicht nachkommt. (...)

Es ist kein Zufall, dass der energische amerikanische Verteidigungsminister einen Keil zwischen die Länder Europas zu treiben versuchte, indem er auf unvergessliche Art zwischen dem "alten" (schlechten) und dem "neuen" (guten) Europa unterschied. Wie konnte es geschehen, dass Deutschland, Frankreich und Belgien dem "alten" Europa zugerechnet wurden, während sich Spanien, Italien, Polen, die Ukraine, die Niederlande, Ungarn, Tschechien und Bulgarien im "neuen" Europa wiederfanden? Die Antwort lautet: Wer die Vereinigten Staaten bei ihren gegenwärtigen Bemühungen um eine Ausdehnung ihrer politischen und militärischen Macht unterstützt, gehört damit per se in die bevorzugte Kategorie des "Neuen". Wer mit uns ist, ist "neu". (...)

Manchmal muss ich mich kneifen, um sicher zu sein, dass ich nicht träume: Der Vorwurf, den viele Menschen in Amerika Deutschland heute machen, diesem Deutschland, das fast ein Jahrhundert lang solche Schrecken über die Welt gebracht hat, man könnte auch sagen: Das neue "deutsche Problem" besteht nun offenbar darin, dass sich die Deutschen vom Krieg abgestoßen fühlen, dass ein großer Teil der öffentlichen Meinung im heutigen Deutschland praktisch pazifistisch ist! (...)

Die Bürger der reichsten und mächtigsten Nation in der Geschichte müssen sich klar machen, dass Amerika geliebt und beneidet, aber auch mit Groll betrachtet wird. Nicht wenige von ihnen erfahren bei Reisen ins Ausland, dass Amerikaner in den Augen vieler Europäer für raubeinig, ungehobelt, unkultiviert gelten. (...) Und umgekehrt: Für Generationen von Amerikanern auf der Suche nach "Kultur" war Europa die Rettung. (...)

Die Vorherrschaft Amerikas ist eine Tatsache. Aber Amerika, wie inzwischen auch seine derzeitige Regierung einzusehen beginnt, kann nicht alles allein machen. Die Zukunft unserer Welt - unserer gemeinsamen Welt - ist synkretistisch, unrein. Wir können uns nicht voneinander abkapseln. Wir fließen immer mehr ineinander. Am Ende wird sich alle Verständigung - alle Aussöhnung -, zu der wir gelangen können, daraus ergeben, dass wir gründlicher über den ehrwürdigen Gegensatz zwischen "Altem" und "Neuem" nachdenken. (...)". (APA/dpa)

Share if you care.