Die Barbarei der Missachtung

13. Oktober 2003, 14:15
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Susan Sontag über Möglichkeiten und Grenzen der Verständi-gung im Konflikt zwischen Europa und den USA im Kommentar der anderen

Über Möglichkeiten und Grenzen der Verständigung im Konflikt zwischen Europa und den USA: Passagen aus der Dankrede von Susan Sontag zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels.


Mir gefällt die Vorstellung, dass ich nichts weiter repräsentiere als die Literatur, eine bestimmte Idee von Literatur, und das Gewissen, eine bestimmte Idee von Gewissen oder Pflicht. Aber im Gedanken an die Urkunde, die diesen Preis eines wichtigen europäischen Landes begleitet und in der ich als "intellektuelle Botschafterin zwischen den beiden Kontinenten" bezeichnet werde, kann ich nicht umhin, einige Überlegungen zu der viel berufenen Kluft zwischen Europa und den Vereinigten Staaten anzustellen, die angeblich durch das, was mich interessiert und fasziniert, überbrückt wird. Aber handelt es sich überhaupt um eine Kluft, die sich noch überbrücken lässt? (. . .)

Die Vergangenheit ist (oder war) Europa, und Amerika wurde auf der Idee eines Bruchs mit dieser Vergangenheit gegründet, die als hinderliche, verdummende Last und - in ihren Formen von Ehrerbietung und ihrem Sinn für Rangordnung, in ihren Kriterien für das, was überlegen und am besten sei - als durch und durch undemokratisch erscheint, als "elitär", wie man heute meist sagt.

Diejenigen, die einem triumphalen Amerika das Wort reden, deuten dabei immer wieder an, dass amerikanische Demokratie auch bedeutet, Europa abzulehnen und sich eine Art befreiendes, heilsames Barbarentum zu Eigen zu machen. Auch wenn Europa von den meisten Amerikanern heute eher für sozialistisch als für elitär gehalten wird, bleibt es nach amerikanischen Maßstäben doch ein rückschrittlicher Kontinent, der sich hartnäckig an alte Maßstäbe klammert: an den Wohlfahrtsstaat. "Make it new" ist nicht nur ein Motto für die Kultur; es steht auch für einen immer weiter um sich greifenden, weltumspannenden Wirtschaftsapparat.

Wenn nötig, lässt sich jedoch das "Alte" auch umtaufen und als "Neues" deklarieren. Es ist kein Zufall, dass der energische US-Verteidigungsminister einen Keil zwischen die Länder Europas zu treiben versuchte, indem er auf unvergessliche Art zwischen dem "alten" (schlechten) und dem "neuen" (guten) Europa unterschied.

Wie konnte es geschehen, dass Deutschland, Frankreich und Belgien dem "alten" Europa zugerechnet wurden, während sich Spanien, Italien, Polen, die Ukraine, die Niederlande, Ungarn, Tschechien und Bulgarien im "neuen" Europa wiederfanden? Die Antwort lautet: Wer die Vereinigten Staaten bei ihren gegenwärtigen Bemühungen um eine Ausdehnung ihrer politischen und militärischen Macht unterstützt, gehört damit per se in die bevorzugte Kategorie des "Neuen". Wer mit uns ist, ist "neu".

Alle modernen Kriege werden als Zusammenstöße von Zivilisationen - als Kulturkriege - inszeniert, wobei jede Seite sich auf ein höheres Recht beruft und die andere Seite für barbarisch erklärt. Der Feind ist unweigerlich eine Bedrohung "unserer Lebensweise" - er ist ein Ungläubiger, ein Schänder, ein Beschmutzer, der höhere oder bessere Werte besudelt. Der derzeitige Krieg gegen die sehr reale Bedrohung, die vom militanten islamischen Fundamentalismus ausgeht, ist dafür ein besonders deutliches Beispiel. Bemerkenswert ist allerdings, dass die gleichen Formen von Geringschätzung in abgemilderter Form auch dem Antagonismus zwischen Europa und Amerika zugrunde liegen.

Man sollte sich in diesem Zusammenhang auch daran erinnern, dass, historisch betrachtet, die bösartigste antiamerikanische Rhetorik, die in Europa je zu hören war und die im Wesentlichen auf den Vorwurf hinauslief, Amerikaner seien Barbaren, nicht etwa von der so genannten Linken, sondern von der extremen Rechten ausging. Sowohl Hitler als auch Franco ließen sich mehrfach über ein Amerika (und ein Weltjudentum) aus, das mit seinen niedrigen, auf nichts als Geschäftemacherei gerichteten Wertvorstellungen die europäische Kultur verderben wolle. (. . .)

Der Antagonismus - denn es besteht ein Antagonismus - lässt sich in der unmittelbaren Zukunft nicht lösen, allem guten Willen vieler Menschen auf beiden Seiten des Atlantik zum Trotz. Und doch kann man diejenigen nur verurteilen, die diese Unterschiede noch vergrößern wollen, während wir doch tatsächlich so viel gemeinsam haben.

Am Ende wird sich alle Verständigung - alle Aussöhnung -, zu der wir gelangen können, daraus ergeben, dass wir gründlicher über den ehrwürdigen Gegensatz zwischen "Altem" und "Neuem" nachdenken.

Alt" und "neu" sind die ewigen, unumstößlichen Pole aller Wahrnehmung und aller Orientierung in der Welt. Ohne das Alte kommen wir nicht aus, weil sich mit ihm unsere ganze Vergangenheit, unsere Weisheit, unsere Erinnerungen, unsere Traurigkeit, unser Realitätssinn verbinden. Ohne den Glauben an das Neue kommen wir nicht aus, weil sich mit dem Neuen unsere Tatkraft, unsere Fähigkeit zum Optimismus, unser blindes biologisches Sehnen, unsere Fähigkeit zu vergessen verbinden - diese heilsame Fähigkeit, ohne die Versöhnung nicht möglich ist.

Es heißt, wir sollen uns entscheiden - zwischen dem Alten und dem Neuen. In Wirklichkeit müssen wir uns für beides entscheiden. Was ist das Leben, wenn nicht ein ständiger Austausch zwischen Altem und Neuem?

Ich habe einen großen Teil meines Lebens darauf verwendet, polarisierende, Gegensätze aufbauende Denkweisen zu entmystifizieren. Auf die Politik übertragen bedeutet dies, für das einzutreten, was pluralistisch und säkular ist. Wie manche Amerikaner und viele Europäer würde ich viel lieber in einer multilateralen Welt leben - einer Welt, die nicht von einem einzigen Land dominiert wird (auch nicht von meinem eigenen). In einem Jahrhundert, das von Anfang an ein weiteres Jahrhundert der Extreme, der Schrecken zu werden verspricht, könnte ich mich nun für eine ganze Reihe von Haltungen aussprechen, die einer Verbesserung unserer Verhältnisse dienlich sein können - und ganz besonders für das, was Virgina Woolf die "melancholische Tugend der Toleranz" nennt.

Lassen Sie mich stattdessen vor allem als Schriftstellerin zu Ihnen sprechen, als Verfechterin des Projekts Literatur - denn nur aus ihm ergibt sich, was mir an Autorität zu Gebote steht.

Die Schriftstellerin in mir misstraut der guten Staatsbürgerin, der "intellektuellen Botschafterin", der Menschenrechtsaktivistin - also den in der Verleihungsurkunde genannten Rollen, so sehr ich mich ihnen verpflichtet fühle. Die Schriftstellerin in mir ist skeptischer, mehr von Selbstzweifeln erfüllt als jene Person, die versucht, das Richtige zu tun (und zu unterstützen).

Eine Aufgabe der Literatur besteht darin, herrschende Gewissheiten infrage zu stellen und Gegenthesen zu entwerfen. Und selbst wenn die Kunst also solche nicht oppositionell ist, tendieren die verschiedenen Künste doch zur Widersetzlichkeit.

Literatur ist Dialog, Bereitschaft, auf etwas oder jemanden einzugehen. Man könnte die Literatur auch als das Archiv der Bereitschaft von Menschen bezeichnen, auf das einzugehen, was im Entwicklungsprozess der Kulturen und in ihren Wechselbeziehungen lebendig und was todgeweiht ist.

Ein Schriftsteller, so scheint mir, ist jemand, der der Welt seine Aufmerksamkeit widmet. Jemand, der zu verstehen versucht, zu welcher Bosheit Menschen fähig sind, und der darauf einzugehen versucht, ohne sich durch solches Verstehen korrumpieren zu lassen, ohne darüber zynisch oder oberflächlich zu werden.

Literatur kann uns sagen, wie die Welt beschaffen ist. Literatur kann uns Maßstäbe geben, kann uns ein tiefes Wissen vermitteln, das in der Sprache und im Erzählen Gestalt annimmt. Literatur kann unsere Fähigkeit stärken, um Menschen zu weinen, die nicht wir selbst sind und nicht zu uns gehören.

Wer wären wir, wenn wir kein Mitgefühl für jene aufbringen könnten, die nicht wir selbst sind und die nicht zu uns gehören? Wer wären wir, wenn wir uns selbst nicht - wenigstens zeitweise - vergessen könnten? Wer wären wir, wenn wir nicht lernen könnten? Wenn wir nicht verzeihen könnten? Wenn wir nicht etwas anderes werden könnten, als wir sind? (DER STANDARD, printausgabe vom 13.10.2003)
(Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser)

Die Schriftstellerin in mir ist skeptischer, mehr von Selbstzweifeln erfüllt als jene Person, die versucht, das Richtige zu tun.

Die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag hat in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten.

Im Wortlaut

Auszüge aus der Rede von Susan Sontag

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Friedenspreisträgerin Susan Sontag

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