Verleger Wagenbach: "Deutsche sind Hosenscheißer"

11. Oktober 2003, 16:42
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Erholung der Buchbranche dauert noch etwas - Die "schüchternen" Deutschen würden bei einer angeblichen Krise sofort kaufunlustig

Frankfurt/Main - Die wirtschaftliche Erholung der Buchbranche wird nach Ansicht von Verleger Klaus Wagenbach noch etwas auf sich warten lassen. "Das wird etwas länger dauern, als wir es uns wünschen", sagte Wagenbach in einem dpa-Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse. Er sei nicht ganz so optimistisch wie etwa der Branchenverbandschef, Börsenvereinsvorsteher Dieter Schormann, der zum Start der Messe von bereits spürbaren Zeichen für Aufwind gesprochen hatte.

Ein Grund für die derzeitige Umsatzflaute sei der "Nationalcharakter" der Deutschen, die ein "schüchternes Volk", seien, "Hosenscheißer, die, von einer angeblichen Krise verschreckt, sofort kaufunlustig werden". Ein weiterer Grund sei die gesunkene Stellung von Büchern in einem Teil der Gesellschaft: "Wir haben kein Bildungsbürgertum mehr. Bildung mitzubringen, ist kein Ausweis mehr für eine bestimmte gesellschaftliche Klasse. Früher musste es schon ein Goethe-Zitat sein, heute genügt der Mercedes vor der Tür."

Ökonomische Schwierigkeiten durch spektakuläre Vorschüsse

Große Verlage kämen immer wieder in ökonomische Schwierigkeiten, wenn sie spektakuläre Vorschüsse für Buchrechte zahlten, sagte Wagenbach weiter. Aber bei den Konzernen wie Random House oder Holtzbrinck gebe es eine Kehrtwende: "Die Kannibalisierer, die einen Verlag nach dem anderen geschluckt haben, haben sich überfressen. Da hört man plötzlich ganz andere Töne, jetzt heißt es überall "Rückzug auf die Kernkompetenz", und Verlagstöchter werden wieder abgestoßen." Während für Großverlage mittlerweile Bücher unter 6000 Exemplaren Auflage nicht mehr interessant seien, könnten kleine und mittlere Verlage gerade damit Erfolg haben: "Wir lieben Bücher unter 6000 Exemplaren", sagte der unabhängige Berliner Kleinverleger.

Er warf zudem dem "zitternden" Buchhandel vor, Bücher zu schnell aus den Regalen zu nehmen. "Die trauen sich nicht mehr, ein Buch mal länger als drei Monate zu halten. Überall findet man dieselben Titel. Viele Buchhändler haben noch nicht begriffen, dass sie Charakter zeigen müssen." (APA)

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    Verleger Wagenbach beklagt Zurückhaltung der "schüchternen" Deutschen beim Buchkauf.

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