Eine Frau, eine Straße in Rom

10. Oktober 2003, 21:03
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In der Via del Corso habe ich meine Absicht, Freunde in der Vorstadt zu besuchen, plötzlich aufgegeben und bin, schon fuhr der orangenfarbige städtische Bus wieder an, schon schloss sich die Tür, schnell auf die Straße gesprungen. Ich lachte den Passagieren zu, die mir misstrauisch nachblickten, ich lachte, als sei mir eine kühne Tat gelungen. Ich gönnte es diesen Römern nicht, in ihrer Stadt zu Hause zu sein, ich beneidete sie. Wie konnten sie nur jeden Tag mit dem Bus zur Arbeit fahren, als wäre Rom ein Ort wie jeder andere! Noch immer war ich im falschen Pathos befangen.

Ich ging hinter einer geschmackvoll gekleideten Frau einher, folgte ihr und folgte ihr nicht, bis ich plötzlich, unerwartet, eine Straßentafel mit dem Namen der Via di Bocca di Leone vor mir sah. Hier also, erinnerte ich mich, hatte im Haus Nummer 60 die oft als schwierig bezeichnete Dottoressa Ingeborg Bachmann einmal gelebt, bevor sie in andere Wohnungen weiterzog. Ihr schreckliches Sterben bedenkend, das so wenig zum hellen Rom passen wollte, bin ich in die Via di Bocca di Leone eingebogen, die ich sofort als vollkommene Anschrift empfand.

Aber nur wenige Schritte weiter schlug mir Lärm entgegen, und ich steckte bald im Gedränge von Frauen, die auf einem Gassenmarkt die reifsten Kirschen, die duftendsten Pfirsiche, die verlockendsten Feigen kauften. Diese Betriebsamkeit passte kaum zu dieser vornehmen Straße, und eben doch. Bäuerinnen wogen Obst auf primitiven Handwaagen, mir gefiel der Trubel, da sah ich schon das Haus Nummer 60 vor mir.

Hier also hatte die Dottoressa gewohnt. Welche Reise war das wohl gewesen, von Klagenfurt hierher, in dieses Haus als Inbegriff der Ankunft. Und warum war sie von hier jemals weitergezogen? Kühl ist Via di Bocca di Leone, Kühle passt zum Spröden, kühl und spröde ist Kristall - kühl, spröde und kristallen erscheint mir, was von der Dottoressa in der Welt zurückgeblieben ist.

Atemlos bin ich eingetreten in die peinliche saubere, marmorgesäumte Vorhalle. Hier ist sie also gegangen, jeden Tag, hier musste sie ja durchgehen, dachte ich, und sah eine alte Frau, die das Treppenhaus wusch, diese schimmernden Marmorplatten, die keiner Waschung bedurften und sie nur als ein Ritual empfingen. Ich fragte die Alte, weil ich doch etwas sagen musste, ob hier die Poetessa Bachmann jemals gewohnt hätte. Ich gierte nach der Bestätigung aus einem fremden Mund.

Die alte Frau blickte mich prüfend an, meinte, sie könne sich nicht an alle Mieter der Vergangenheit erinnern, auch hätte sie keinen Bewohner des Hauses jemals mit ihrer Neugier belästigt, auch nicht diese bravissima Donna. Und warnend, verärgert fast, fügt sie hinzu, wer auch immer in diesem Hause wohne, heute oder irgendwann, besitze Anspruch auf Diskretion.

Ich spürte, dass die alte Frau die Dottoressa gut gekannt haben musste, und dass sie mich für einen Eindringling hielt, der weder Anrecht auf seine Frage noch auf ihre Auskunft besaß. So stand ich recht beschämt in der dunklen Eingangshalle, stammelte meinen Dank und verließ rasch das Haus. Draußen schien die geschäftige Straße mit einem Schlag leer geworden, den Markt nahm ich kaum noch wahr.

Wer wüsste zu sagen, wer die Bachmann gewesen ist? Was sie angeht, ist die große Neugierde noch immer nicht gestillt. Aber in Rom, wo so gut wie niemand ihre Bücher liest und ihre Sprache versteht, wird der Vielbelästigten immerhin Schutz gewährt. Das laute Rom hütet ihr Geheimnis, und welche Hochachtung könnte kostbarer sein? Die alte Frau hatte nicht damit geprahlt, dass eine Berühmtheit hier zu Hause gewesen war, sie hatte die Erinnerung an sie geleugnet und zugleich eine bravissima Donna gelobt.

Diese hat wirklich gelebt im pathoslosen, schützenden Rom, eine Alte gießt Wasser über die Stufen aus Marmor, und ich, gereinigten Spuren folgend, bin weiter gegangen zum Caffé Greco, wo auch sie oft gesessen hatte, und wo sie mir hätte begegnen können, ganz selbstverständlich und ohne Magie, wäre die bravissima Donna nicht aus dem Verkehr unserer Schritte gezogen, aber nicht tot, natürlich nicht tot. []

Der in Salzburg geborene Erich Wolfgang Skwara ist Schriftsteller und Literaturprofessor an der San Diego State University. Zuletzt erschien von ihm im Insel Verlag der Roman "Zerbrechlichkeit oder die Toten der Place Baudoyer und in der Edition Korrespondenzen "Tagebuch zur Probe/ Pest in Siena".

Erinnerung an Ingeborg Bachmann Von Erich Wolfgang Skwara
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