Unter Räubern und Mördern

10. Oktober 2003, 21:03
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Eine fremde Welt, eine mythische Zeit: Alan Tschertschessow ist der Antipode zu den vorwiegend urbanen Biotopen der russischen Schriftsteller. 1962 in Ossetien geboren, schildert der Autor eine Landschaft und Menschen, die weitab vom morosen Treiben der Hauptstadt liegen und den meisten Russen wohl ebenso archaisch vorkommen wird wie dem Mitteleuropäer.

Die Menschen, von denen sein Roman handelt, sind noch nicht einmal im 19. Jahrhundert angekommen. Es gibt Pferde und Wagen, Gewehre und Dolche, es gibt keine Welt außerhalb des Kaukasus mit seinen gottverlassenen Schluchten und den kleinen armseligen Dörfern, die hier Aul genannt werden. Paradigmatisch wird der ewige Konflikt der Sesshaften mit den Nomaden zu einem der Leitthemen des Buches. Dabei sind die eben erst sesshaft Gewordenen, die sich in einem abseitigen Tal mit einem bösartigen Fluss angesiedelt haben, selbst flüchtige Frauenräuber und Mörder.

In wechselnden, oft verwirrenden Perspektiven zeichnet Tschertschessow eine statische patriarchale Gesellschaft, voll Gewalttätigkeit und Habgier.

Die rohe Sippe, die von weiß Gott was getrieben, eines Tages auftaucht und sich, ungebeten neben den Neuansiedlern, ein Haus baut, will nur ein paar Jahre im Aul bleiben. Solange, bis die Frauen ihre Kinder gebären um dann wieder abzuziehen, ruhelos, mit der Straße als einzige Heimat. Eifersucht und Untreue begleiten die Jahre, Inzest, lange gehegte Racheträume und Meuchelmorde. Tschertschessows Personen sind nicht in der Lage, eine Kommunikation, geschweige denn irgendeinen Ansatz zur Konfliktlösung aufzubauen. Sie sprechen wenig, alles spielt sich in ihrem Inneren ab.

Vordergründig scheint das sehr statisch zu sein, und es braucht auch eine Weile, um in die Sprache, die gewaltigen Bilder, die Urzeitlichkeit des Textes einzutauchen.

Der (brüchige) rote Faden bildet sich erst allmählich im zweiten Teil des Romans heraus. Aber dann erweist sich die luzide Beobachtungsgabe des Autors als ungemein spannend.

Wie Tschertschessow die Natur zu schildern vermag, die Jahreszeiten, den Fluss die Tiere, die Jagd, die Erde, die Pflanzen, das kann nur einer, der das alles von ganz nah gesehen und empfunden hat und für das es im Westen kaum eine Parallele gibt.
Alan Tschertschessow, der in russischer Sprache schreibt und an der Universität von Wladikawkas Literatur lehrt, ist ein Botschafter des Ganz-Anderen, spröd, atemberaubend und so unzugänglich wie ein Kaukasuspass im Winter. []

Alan Tschertschessow, Ein Kranz für das Grab des Windes. Aus dem Russischen von Annelore Nitschke.
€ 30,80/616 Seiten. DVA, München 2003.

Hinweis: Alan Tscherschessow liest am 14. Oktober um 19 Uhr in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur (Herrengasse 5, 1010 Wien) aus dem besprochenen Buch.

Der ossetische Autor Alan Tschertschessow entführt in eine urzeitliche Gebirgswelt Von Ingeborg Sperl
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