"In Cancún fand der Unsinn ein Ende"

10. Oktober 2003, 21:03
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Nach dem 11. September konnten die konservativen Experten die Antiglobalisierungsbewegung gar nicht schnell genug zu Grabe tragen. Niemand, so sagten sie, würde sich in Kriegszeiten über vergleichsweise unernste Dinge wie die Privatisierung von Wasser den Kopf zerbrechen. In eine ähnliche Denkfalle tappte ein Gutteil der Antikriegsbewegung: Es sei nicht die rechte Zeit, um sich auf entzweiende Wirtschaftsdebatten zu stürzen; vielmehr solle man mit vereinten Kräften nach Frieden rufen. Anfang September fand dieser Unsinn in Cancún ein Ende, als sich Tausende Aktivisten einfanden und das brutale, von der WTO forcierte Wirtschaftsmodell selbst zu einer Form von Krieg erklärten.

Krieg - denn Privatisierung und Deregulierung töten, indem sie die Preise für notwendige Güter wie Wasser und Medikamente in die Höhe und jene für Rohstoffe wie Kaffee in den Keller treiben, und so Subsistenzfarmern die Existenzgrundlage entziehen. Krieg - denn die, die Widerstand leisten, werden routinemäßig inhaftiert, geschlagen und sogar getötet. Krieg - denn die echten Schlachten gehen dann los, wenn der Weg für unternehmerische Freiheit nicht mit gemäßigter Repression freigeschossen werden kann.

Die weltweiten Antikriegsproteste entwickelten sich aus den Netzwerken, die in jahrelangem Antiglobalisierungsaktivismus entstanden sind. Und trotz der Versuche, die Bewegungen voneinander getrennt zu halten, liegt ihre einzige Zukunft im Zusammenschluss, wie es in Cancún der Fall war. Als Washington mit der Vergabe von Aufträgen für den Wiederaufbau im Irak begann, dämmerte Antiglobalisierungsveteranen, was sich hinter dem Engagement der bekannten Deregulierungs- und Privatisierungsverfechter Bechtel* und Halliburton** verbarg. Wenn diese Jungs groß mitmischten, hieß das, der Irak wurde verschleudert und nicht wiederaufgebaut. Selbst jene, die gegen den Krieg waren nur aufgrund der Art und Weise, wie er angezettelt wurde (ohne UN-Zustimmung, mit mangelhaften Beweisen für das Vorhandensein von Massenvernichtungswaffen), erkennen jetzt den wahren Kriegsgrund: um dieselbe Politik einzuführen, gegen die in Cancún protestiert wurde - Massenprivatisierung, ungehinderter Zugriff für internationale Konzerne und drastische Kürzungen im öffentlichen Sektor.

Die Bush-Regierung hat die Welt wissen lassen, dass sie im Falle des Scheiterns der Cancún-Verhandlungen ganz einfach verstärkt auf bilaterale Freihandelsabkommen setzen wird, wie auf das jüngst mit Chile unterzeichnete. In wirtschaftlicher Hinsicht ist der Deal vielleicht von geringer Bedeutung, doch die wahre Stärke liegt in seiner Keilwirkung: Schon jetzt übt Washington mit seiner Hilfe Druck auf Brasilien und Argentinien aus, die Freihandelszone Amerikas (FTAA) zu unterstützen.

Es ist dreißig Jahre her, dass Pinochet - mithilfe der CIA - den freien Markt "mit Blut und Feuer" nach Chile brachte. Aber bis zum heutigen Tag hat sich dieser Terror bezahlt gemacht: Die Linke hat sich nie mehr erholt, und Chile ist heute eines der gefügigsten Länder Südamerikas. []

Auszüge aus einem Beitrag, der im britischen
"Guardian" und in "The Nation" (USA) erschien.

www.nologo.org

*Kalifornische Baufirma. Der Chef der Bechtel-Group, Riley Bechtel, wurde im Februar in Bushs Außenwirtschaftsrat berufen. Bechtel hatte großzügig für die Wahlkampagne von George Bush gespendet. Im Aufsichtsrat sitzt der ehemalige US-Außenminister und Kriegsbefürworter George Shultz.

**Chef des Rüstungskonzerns Halliburton war von 1992 bis 2000 der jetzige US-Vizepräsident Dick Cheney, riesige Aufträge gingen an das Tochterunternehmen Kellog Brown & Root (KBR).

Das von der WTO forcierte Wirtschaftsmodell ist eine Form von Krieg. Sagt Naomi Klein
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