Der Fall Bachmann

17. Oktober 2003, 11:31
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Dreißig Jahre nach ihrem Tod wird Ingeborg Bachmann von den einen noch immer als bedeutendste deutschsprachige Autorin verehrt, von anderen aber nach wie vor vehement abgelehnt

Welches Erbe hinterließ Bachmann österreichischen Autorinnen wie Bettina Balàka und Sabine Gruber? Lebt Bachmanns Geist im sprachlichen und politischen Verständnis weiter? Eine Bestandsaufnahme
In der Nacht zum 26. September 1973 erlitt Ingeborg Bachmann in ihrer Wohnung in der Via Giulia 66 folgenschwere Brandverletzungen, welchen sie am 17. Oktober 1973 im römischen Krankenhaus Sant'Eugenio gegen 6 Uhr morgens erlag. Von den Medien wurde sie nach ihrem Tod zur schreibenden Märtyrerin ikonisiert, die an ihrer Wahrheitssuche zugrunde gegangen war. Ihr letzter Personalausweis soll die italienische Ausgabe ihres Bestellers Malina gewesen sein, die Maria Teofili, ihre Haushälterin, mit ins Krankenhaus nahm, nachdem sie in der Wohnung Bachmanns keinerlei Ausweispapiere gefunden hatte.

Dreißig Jahre sind seither vergangen und noch immer bewegen Leben und Werk Ingeborg Bachmanns die Gemüter. Ohne ihre Nennung wird kein Kanon deutschsprachiger Literatur des 20. Jahrhunderts für vollständig erklärt. Produktionen wie Claus Peymanns Ingeborg Bachmann. Wer? aus dem Jahr 1995 am Wiener Burgtheater, Eva Brenners Es weiß ja jeder im Wiener Projekttheater, das auf den im Jahr 2000 erschienenen unveröffentlichten Gedichten Bachmanns basiert, oder die Performance von Elke Papp Ingeborg Bachmann - Alles im Wiener kosmos frauen.raum aus dem Jahr 2002 verdeutlichen das noch immer anhaltende, breite öffentliche Interesse an Leben und Werk Bachmanns.

Ingeborg Bachmann beschritt mit ihrer Sprache neue literarische Wege, weg von der Kahlschlagliteratur der Gruppe 47, von der sie 1953 mit dem Gruppenpreis ausgezeichnet worden war. Ihr Stil und ihr Wille zur Öffentlichkeit bescherten den Medien und den Literaturmachern der 50er- und 60er-Jahre die Möglichkeit, eine Autorin zur Literaturdiva zu stilisieren, ihre Person neben ihr Werk ins Rampenlicht zu rücken und dadurch eine Ikone zu schaffen.

Dass die vielfach preisgekrönte Autorin in ihren letzten Lebensjahren allerdings mit ihrer öffentlichen Rolle haderte, ist allgemein bekannt.

Zu Ingeborg Bachmanns dreißigstem Todestag befragte ich die Autorinnen Bettina Balàka (Jahrgang 1966) und Sabine Gruber (Jahrgang 1963) zum Vermächtnis der Dichterin. Welche literarischen Bezüge gibt es für österreichische Autorinnen im Jahr 2003 zu Bachmann und vor allem, inwiefern ist in der heutigen Literatur Bachmanns Geist noch spürbar?

"Es wird jedes Jahr eine Nachfolgerin als ,die neue Bachmann' bezeichnet, aber eine wirkliche Nachfolgerin hat es bisher noch nicht gegeben", meint Bettina Balàka zu solchen Zuweisungen, "es ist auch nicht zweckmäßig für irgendeine Schriftstellerin, die neue Ingeborg Bachmann zu sein."

"Bachmann war für mich", erinnert sich Sabine Gruber, "was die Prosa und die Romanfragmente betrifft, eine große Erleichterung in der Befindlichkeitsliteratur der 70er-Jahre. Bei ihr habe ich endlich etwas gefunden, das nicht in diese Richtung ging. Ich denke doch, dass sie insofern eine Pionierin war", und "ich sehe sie in der Tradition Wittgensteins, die sprachkritische Richtung, das ist für mich auch das Faszinierende an ihr. ,Man muss eine neue Gangart finden', hat sie doch eingefordert und das ist ihr ja wirklich gelungen."

"Bachmanns Einfluss", stellt Bettina Balàka fest, "ist ganz immens, das ist formal und auch inhaltlich festzumachen. Ich wurde darauf hingewiesen, dass bestimmte Arbeiten von mir durch Malina beeinflusst wurden, was mir zwar nicht bewusst war, aber durchaus möglich ist."

Für Balàka und auch für Gruber gilt Der Fall Franza als einflussreichster Text Bachmanns, konnte sie doch mit Franza gesellschaftspolitische Fragen mit Weltpolitik verknüpfen. "Es gelang ihr die Kunst, die großen und die kleinen Geschichten zu verbinden", wie Sabine Gruber unterstreicht, "und dabei stets politisch zu bleiben." Dabei bedauert Gruber, "dass die die Rezeption erst spät erkannt hat, wie differenziert Bachmann den Nationalsozialismus in die Prosa zu integrieren verstand. Sie löste die Parole, der Private sei politisch, als eine der Ersten literarisch ein, indem sie darauf hinwies, dass der Faschismus zwischen Mann und Frau beginnt." Balàka und Gruber entsprechen mit ihrer Bevorzugung Franzas durchwegs der feministischen Literaturwissenschaft, die dem Todesartenprojekt näher steht als der gesamten Lyrik Bachmanns und diese, wie der Germanist Hans Höller meint, "nur als vormodern abtut".

Bei Franza zeigte Bachmann für Gruber und Balàka eindeutig ihr Vermögen, Politik subtil in ihre Texte einfließen zu lassen. Auch für Gruber ist diese subtile Art, Texte zu politisieren, von großer Bedeutung, "ich artikuliere mich tagespolitisch vor allem mit gelegentlichen journalistischen Arbeiten, würde aber viele meiner literarischen Texte im weitesten Sinne als politisch bezeichnen. Vor allem meinen letzten Roman Die Zumutung empfinde ich als hochgradig politischen Text. Unlängst hat mich jemand gefragt, ob ich mich beim Titel des Romans auf das Bachmann-Zitat ,Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar' beziehe. Ich war völlig konsterniert, denn ich hatte wirklich nicht einen Moment daran gedacht. Ich habe dann die Rede Bachmanns gelesen, und ich muss sagen, sie ist nach wie vor aktuell, vor allem auch in Bezug auf meinen Roman. Zumutung und zumutbar . . ."

Es sind die politischen Bezüge bei Bachmann, die Gruber und Balàka faszinieren und, wie Bettina Balàka bemerkt, "hat sie (Bachmann) selbst darauf hingewiesen, dass es ihr bei den Todesarten-Texten, außer um das Verhältnis der Geschlechter, auch um ein Aufzeigen des Faschismus in der Gesellschaft ging, der sich 1945 nicht von einem Tag auf den anderen auflöste. Mögen seit Kriegsende mittlerweile beinahe sechzig Jahre vergangen sein, der Geist ist nicht gestorben, egal wie viele Täter verurteilt wurden. Es ist auch noch immer nicht vorbei, egal wie viel Zeit vergangen ist. Das interessiert mich selbst sehr. Nächstes Frühjahr erscheint eine Anthologie, zu der beizutragen ich eingeladen wurde, als ich mich mit dem Thema der politischen Nachwehen auseinander setzte. Die Erzählung beschäftigt sich mit dem österreichischen Umgang mit arisiertem Eigentum und der Erbschuld der Gutmenschen."

Für Bettina Balàka, die selbst immer wieder mit dem Wunsch nach "befreiten Frauenfiguren" konfrontiert wird, ist ein zentraler Punkt in Bachmanns Werk, dass sie keine Heldinnen entwarf, die stets siegen konnten, sondern dass ihre Frauenfiguren durchwegs Scheiternde und Opfer des patriarchalen Systems waren, was Bachmann ja auch vorgeworfen wurde.

"Aber so hat sie eben geschrieben, was dann mit zu viel Ideologie entsteht, wird ja bei Hera Lind und ihrem Superweib sichtbar. Dass diese Art von Literatur völlig an der Realität vorbeigeht, versteht sich von selbst. Literarische Figuren hatten nicht nur in der griechischen Tragödie und bei Ingeborg Bachmann das Recht zu scheitern. Bei einer Podiumsdiskussion wurde mir ganz direkt eine Art ,Auftrag' erteilt: dass von der Literatur mehr Frauenfiguren erwartet würden, die sich befreien und durchsetzen müssten. Das ist für mich dann propagandistische Literatur, die nur einen ganz bestimmten Zweck erfüllt und das kommt für mich einer Unmöglichkeit gleich."

Ingeborg Bachmann hat sich in einer Frankfurter Vorlesung ganz bewusst als "Schriftsteller" bezeichnet. Sie hat für sich niemals das Wort Feministin verwendet und war doch in ihrem Schreiben ganz eindeutig an den gesellschaftspolitischen Bezügen der Geschlechter interessiert. Bachmanns Distanz zur Frauenbewegung gegen Ende der 60er- und 70er-Jahre, bestimmt die Annäherung der Südtirolerin Sabine Gruber an Bachmann: "Sie ist an der Grenze aufgewachsen und war auch italienisch sozialisiert. Bachmann hat verstanden, dass Kleidung und Essen auch Kultur bedeuten. Ich fand es sehr imponierend, dass sie sich treu blieb und sich nicht von der Uniformierung der Frauen Ende der 60er-Jahre beeindrucken ließ. Ich denke, dass es sicherlich nicht leicht war, eine Rolle zu übernehmen und sich dann gegen die kulturmächtigen Herren zu behaupten. Vielleicht war das auch ein Grund, weshalb sie sich so weit nach Rom zurückgezogen hat", vermutet Gruber, "es hat ja nach der Lyrik eine fast zehnjährige Pause gegeben. Ich frage mich immer wieder, ob diese römischen Jahre nicht eine Art Verstummen bedeuten. Bachmann hat fließend Italienisch gesprochen und hat offensichtlich nie damit begonnen, auf Italienisch zu schreiben, so wie es viele andere Autorinnen tun, die lange Zeit im fremdsprachigen Ausland leben. Ich kann mir vorstellen, dass es sehr schwierig war, nach den Erfolgen in Rom zu sitzen, an etwas Neuem zu schreiben und es vor allem abzuschließen. Mit Ausnahme von Malina sind ja alle Romane Fragmente geblieben."

Und Balàka ergänzt: "Bachmann hat sich zwar nie als Feministin bezeichnet, muss aber in ihrem Zeitbezug gesehen werden. Ich denke, dass sie für ihre Zeit radikal war. Gerade auch noch Mitte der 60er-Jahre. Sie muss sich sehr einsam gefühlt haben. Meiner Ansicht nach hat Ingeborg Bachmann vieles sehr eigenständig entwickelt. Gerade so, als wäre ihr die geografische Distanz behilflich gewesen. Sie hat vieles nicht ausgesprochen, Gewalt konnte sie in ihren Texten sehr gut transportieren. In Malina zum Beispiel hat man ständig ein ungutes Gefühl, es wird aber nichts ausgesprochen. Vielleicht ist es heute einfacher, direkt zu sein. In der Zwischenzeit gab es auch die Jelinek, die viel Hass und Aversion auf sich genommen hat und dadurch anderen, wie mir, den Weg bereitet hat, der noch lange nicht geebnet ist. Die größten Felsbrocken wurden sicherlich von Ingeborg Bachmann und Elfriede Jelinek auf die Seite geschafft. Insofern beeinflusst Bachmann die Literatur der Gegenwart ganz gehörig." Als Widerpart zur gegenwärtigen Popliteratur ist Bachmanns Kritik von zeitloser Relevanz, vielleicht liegt es daran, dass sich die gesellschaftlichen Zustände nur langsam ändern. So werden Stimmen wie jene Ingeborg Bachmanns wohl weiterhin nötig sein und, wie Bettina Balàka unterstreicht, es dürfen neben Ingeborg Bachmann kritische Autorinnen wie Marlen Haushofer, Elfriede Jelinek oder Marlene Streeruwitz nicht ignoriert werden: "Ich habe den Eindruck, dass Österreich überproportional viele kritische Schriftstellerinnen hervorgebracht hat. Vielleicht hat dieses Land aber solche Autorinnen auch ganz besonders nötig." (DER STANDARD; Printausgabe, 11./12.10.2003)

von Evelyn Steinthaler - freie Autorin und Kommunikationswissenschafterin.

Hinweis:
Am 17. Oktober um 20 Uhr findet im Wiener Literaturhaus (Zieglergasse 26A) unter dem Titel "Durchaus ist die Wahrheit zumutbar" eine - von Sylvia Treudl, Monika Drasch und Cordula Boesze konzipierte - literarische und musikalische Annäherung an Ingeborg Bachmann statt.

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