Rumänien binnen vier Jahren an Größe verdoppelt

11. Oktober 2003, 10:30
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Mit dem alliierten Sieg im Ersten Weltkrieg erfüllte sich der nationale Traum der Rumänen: Sie lebten nun vereint in einem gemeinsamen Staat

Die Ergebnisse des Berliner Kongresses von 1878 - mit voller Souveränität für Rumänien, Serbien, Montenegro und dem Wiedererstehen Bulgariens - brachten dem Balkan keineswegs einen dauerhaften Frieden. Neben die Ansprüche auf die dem Osmanischen Reich noch verbliebenen Reste traten Streitigkeiten der jungen Nationen untereinander.

Rumänien betrachtete misstrauisch die Ambitionen des von den Russen begünstigten Bulgarien, sein Staatsgebiet auszuweiten, und verlangte für diesen Fall Kompensationen. Zudem irritierte es die Nachbarn durch Unterstützung der einen rumänischen Dialekt sprechenden Aromunen in den Bergregionen Mazedoniens; das Interesse aus Bukarest führte dazu, dass die Aromunen von griechischen und bulgarischen Banden terrorisiert wurden.

1900 gingen die Spannungen mit Bulgarien nur knapp an einem Krieg vorbei. Auch im Inneren hatte Rumänien große Probleme. Die Bodenreform Cuzas hatte insbesondere in der Moldau nicht gegriffen, wo es die Großgrundbesitzer verstanden, die Bauern durch Verschärfung der Ablösebestimmungen für ihre kaum lebensfähigen Güter in neue Abhängigkeit zu treiben.

1907 brach ein großer Bauernaufstand aus, Gutshöfe wurden zerstört, und die Wut der Aufständischen richtete sich auch gegen die Juden, die als Eintreiber der Schulden verhasst waren. Die Armee griff ein, und der Aufstand wurde mit äußerster Brutalität niedergeschlagen; die linke Opposition sprach von 11.000 Todesopfern.

Im Oktober 1912 brach der Erste Balkankrieg aus: Serbien, Montenegro, Griechenland und Bulgarien machten der osmanischen Herrschaft auf europäischem Boden ein Ende. Rumänien verhielt sich vorerst neutral. Danach aber gerieten die Sieger über die Verteilung der Beute in Streit. Vor allem Mazedonien bildete den großen Zankapfel. Als die Bulgaren sich ihre Ansprüche mit Gewalt sichern wollten, bildeten die früheren Verbündeten zusammen mit der Türkei und Rumänien im zweiten Balkankrieg (1913) eine geschlossene Phalanx gegen sie. Bulgarien musste auf Mazedonien verzichten, Rumänien annektierte die Süddobrudscha mit dem wichtigen Donauhafen Silistra.

Die Nationalisten im jungen Königreich Rumänien betrachteten die Vereinigung mit ihren Volkszugehörigen in Österreich-Ungarn und in Russland, zusammen mehr Rumänen als im Stammland selbst, als ihr großes Ziel. In den rumänischen Gebieten der Österreichisch-Ungarischen Monarchie agierte eine Irredenta, die insbesondere im ungarischen Siebenbürgen und Banat unter Schikanen und Verfolgungen zu leiden hatte.

In der österreichisch verwalteten Bukowina konnten die Rumänen zwar Abgeordnete in den Reichstag entsenden, sahen sich aber durch die wachsende Zuwanderung von Ukrainern und Juden bedrängt. Wohl trat Rumänien dem Dreibund Deutschland-Österreich-Ungarn-Italien bei, doch wuchs die Verstimmung, weil Wien sich nicht willens oder imstande zeigte, die ungarische Magyarisierungspoli- tik einzudämmen. Bukarest begann, Fäden nach Sankt Petersburg und nach Paris zu spinnen.

Wenige Wochen nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs starb König Carol I. nach 48-jähriger Regierungszeit. Rumänien blieb vorerst neutral. Da Carol I. kinderlos geblieben war, folgte ihm sein Neffe Ferdinand I. auf den Thron; anders als sein Vorgänger überließ er die Außenpolitik völlig dem Ministerpräsidenten Ionel Bratianu. Der Kriegseintritt Bulgariens an der Seite der Mittelmächte wurde von ihm mit Argwohn betrachtet, der Übertritt des Dreibundmitglieds Italien auf die Seite der Entente war ein Signal: Nur von einem Sieg über die Habsburgermonarchie konnte Bukarest - genauso wie Rom - die ersehnte nationale Einheit erhoffen.

Am 27. August 1916 erklärte Rumänien Österreich-Ungarn den Krieg, darauf folgten sofort die Kriegserklärungen Deutschlands, Bulgariens und der Türkei an Bukarest.

Zunächst machten die rumänischen Truppen Gebietsgewinne in den siebenbürgischen Karpaten, dann aber begann vom Süden wie vom Westen her die Gegenoffensive der Gegner. Unter Führung der deutschen Generäle Falkenhayn und Mackensen geriet Bukarest mit der gesamten Walachei nach knapp vier Monaten in die Hand der Mittelmächte, die rumänische Regierung flüchtete in die Region Moldau.

Als aber im November 1917 mit der Machtergreifung der Bolschewiken Rumänien seinen Rückhalt bei Russland verlor, musste es sich nach einem Ultimatum zum Friedensschluss bequemen.

Der Friedensvertrag war hart: Die ganze Dobrudscha bis zur Donaumündung sollte an Bulgarien abgetreten werden. Trotzdem konnte die rumänische Regierung in Iasy in dieser prekären Situation auch einen Erfolg verbuchen: Ein in Bessarabien gebildeter antibolschewistischer Landesrat erklärte die Wiedervereinigung des Landes zwischen Pruth und Dnjestr mit Rumänien, weder die Mittelmächte noch die Entente erhoben dagegen Einspruch.

Die Wende im Kriegsgeschehen im Herbst 1918 führte nach dem Zusammenbruch Bulgariens zum Abzug der deutschen Besatzungstruppen. Rumänien kam als Bundesgenossen der Entente nun eine Schlüsselrolle zu - sowohl was die Abwehr des Bolschewismus als auch die Neuordnung in Südosteuropa betraf. Die rumänischen Truppen rückten sofort als Besatzer in Siebenbürgen und im Banat vor und suchten so, für die kommenden Friedensverhandlungen vollendete Tatsachen zu schaffen. Zugleich wurde mit rumänischer Hilfe die alliierte Intervention im russischen Bürgerkrieg in Gang gehalten.

Als in Budapest die Räterepublik ausgerufen wurde, überschritten die rumänischen Truppen die festgesetzten Demarkationslinien und gaben der Regierung Béla Kuns mit einer Großoffensive, die sie bis Budapest führte, im Juli 1919 den Todesstoß. Mit der Besetzung Budapests waren die Rumänen der Entente zu weit gegangen, die dort ja die "weiße" Regierung des Admiral Horthy installieren wollte; sie mussten sich im November zurückziehen.

Im Friedensvertrag von Saint-Germain mit Österreich ging es um die Bukowina. Als darin Verpflichtungen für den Minderheitenschutz aufgenommen wurden, trat der harte Verhandler Bratianu zurück; auf Druck der Alliierten fand sich Bukarest damit nun ab.

Im Friedensvertrag von Trianon mit Ungarn erhielt Rumänien seinen größten Gebiets- und Bevölkerungszuwachs: Ganz Siebenbürgen, das östliche Banat und der Rand der ungarischen Tiefebene wurden rumänisch. Die Bestätigung des Besitzes der Süddobrudscha im Friedensvertrag von Neuilly mit Bulgarien sollte die Stabilität des so geschaffenen Großrumänien abrunden. Mit 295.000 Quadratkilometern und 16 Millionen Einwohnern war Rumänien 1920 fast doppelt so groß wie 1914.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12. 10. 2003)

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    grafik: derstandard.at
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