Wirken basiert auf Toleranz

12. Oktober 2003, 11:00
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Andreas Heitger forscht am menschlichen Immunsystem

Toleranz ist ein Schlüsselbegriff im Wirken des Andreas Heitger. Das hat etwas mit seiner persönlichen Weltanschauung zu tun. Andererseits steckt dahinter - viele Jahre nach dem "geisttötenden Medizinstudium" - eine große medizinische Herausforderung: das Wirken des menschlichen Immunsystems zu verstehen. Ziel des Krebsforschers und Immunspezialisten Heitger ist es, dem Immunsystem Toleranz gegenüber dem Fremden beizubringen. Er arbeite daran, dieses sich selbst organisierende System "zu unterrichten, dass es fremde Spender von Knochenmark akzeptiert, aber die Fähigkeit, auf Infektionserreger zu reagieren, beibehält". Da er die Immunabwehr für ein chaotisches, sehr effektives System hält, sucht er Anleitung zum Verstehen in der Chaos- und Systemtheorie.

Keine leichte Aufgabe für den habilitierten Mittvierziger, aber eine preiswürdige. Heitger, der seit 2001 die Forschungsgruppe "Transplantationsimmunologie" am Wiener St. Anna Kinderspital leitet, hat bereits zum zweiten Mal den Wissenschaftspreis der österreichischen Gesellschaft für Kinder-und Jugendheilkunde im Bereich Hämatologie/Onkologie erhalten. Auf der Suche nach der Ursache der veränderten Immunabwehr nach Knochenmarktransplantationen beim Menschen, hat er bestimmte Faktoren identifiziert, die in der Immunabwehr eine Rolle spielen. Den Preis 2003 teilt er sich mit einem Kollegen vom St. Anna: Krebsspezialist Michael Dworak wurde für seine Arbeit zur Erkennung der minimalen Resterkrankung bei Kindern mit Leukämie ebenfalls gewürdigt.

Heitgers Worte klingen wohl bedacht, die Lust am Spiel mit der Sprache packt ihn oft: Faszinierend, wie man am Computer Worte wie Module hin- und herschiebt, sinniert er, ehe sie am richtigen Platz wirken. Auch beim Erzählen von der Familie nimmt er sich Zeit, seine Gedanken zu formulieren. Gelassenheit scheint eine seiner Stärken zu sein, in Rage bringt den John-Irving-Fan kaum etwas. Vielleicht liegt es daran, dass ihn die Arbeit nicht im Würgegriff hat. "Es ist wichtig, dass man weiß, wer man ist - auch ohne Arbeit".

Wenn er nicht arbeiten müsste, um Geld zu verdienen, wäre sein Traum ein Pferdestall. Er hat als Kind reiten gelernt, jetzt tut er das mit den Töchtern, sieben und elf Jahre alt. Vom Umgang mit Pferden leitet er noch ein Lebensmotto ab: Verantwortung übernehmen und füreinander sorgen. Ein Pferd verlasse sich, das Herdenleben gewohnt, auf das Leittier, erklärt er den Töchtern, das verlange zwischen Mensch und Tier eine spezielle Kommunikation, in der der Mensch die Führung übernehme. Verantwortung für andere übernehmen, das ist etwas, was dem Forscher "in unserer Zeit im Umgang miteinander immer mehr fehlt". Seine Kinder sollen frühzeitig ein Gespür dafür entwickeln. (Andrea Waldbrunner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12. 10. 2003)

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