Kopf des Tages: Eine Frau mit universaler Botschaft

13. Oktober 2003, 11:05
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"Am wichtigsten ist nicht, welche Religion, Sprache oder Kultur man hat, sondern dass man an die Menschenrechte glaubt"

Für die Kopftuchgegner in Europas Parlamenten ist die streitbare Anwältin wahrscheinlich recht unbequem: Die Pflicht, den "Hijab" zu tragen, das Kopftuch der Muslime, hat den Frauen im Iran die Türen geöffnet, sagt Shirin Ebadi, Irans bekannteste Frauen- und Bürgerrechtlerin, die nun mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden ist. Denn vor der islamischen Revolution von 1979 wurde vielen Mädchen der Zugang zur Universität verwehrt, weil sie ihre Väter nicht in gemischte Klassen gehen lassen wollten. "Ich habe kein Problem mit dem Islam", sagt Ebadi, "ich habe ein Problem mit der Kultur des Patriarchats."

Andererseits war eben die Revolution auch Schuld an Shirin Ebadis großem Karriereeinbruch: 1975 wurde sie Vorsitzende des Gerichtshofs in Teheran und damit die erste weibliche Richterin im Iran – nach der islamischen Revolution war sie gezwungen, ihr Amt wieder aufzugeben. Ebadi wurde auf einen Posten im Justizministerium abgeschoben, 1984 nahm sie ihren Abschied und eröffnete eine Anwaltskanzlei in Teheran.

Shirin Ebadi, Mutter zweier erwachsener Töchter, hat sich seither als Rechtsanwältin im Iran einen Namen gemacht. Sie ist Autorin Dutzender Bücher über Frauen- und Menschenrechte und hatte einen Verein zum Schutz der Kinder in Teheran gegründet: Lange Zeit waren Mädchen im Iran bereits im Alter von neun Jahren straffähig, Buben ab 15; mittlerweile ist das Alter hinaufgesetzt worden auf 13 und 16 Jahre.

Wegen ihrer Teilnahme am mittlerweile berühmt-berüchtigten Seminar der Heinrich-Böll-Stiftung im März 2000 in Berlin über den Iran wurde Shirin Ebadi nach ihrer Rückkehr nach Teheran verhaftet. Wie anderen iranischen GastrednerInnen warf man ihr vor, bei diesem Seminar regimekritische Vorträge gehalten zu haben. Aus Mangel an Beweisen wurde sie freigesprochen.

Im selben Jahr wurde sie aber noch einmal bei der Verteidigung der an Unruhen in Teheran beteiligten Studenten verhaftet und wegen – nach Ansicht des Staatsanwalts – "Verbreitung von Lügen" zu neun Monaten Haft verurteilt. Nach der Entlassung aus dem berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran vor einem Jahr praktizierte sie weiter und konnte ungehindert zu Vorträgen ins Ausland reisen. Sie übernahm zuletzt die Verteidigung des verhafteten Rechtsanwalts Naser Sarafshan, der wegen seiner Aufklärungsarbeiten über eine Mordserie an Intellektuellen im Iran 1998 seit einem Jahr im Gefängnis sitzt.

"Am wichtigsten ist nicht, welche Religion, Sprache oder Kultur man hat, sondern dass man an die Menschenrechte glaubt", meinte Ebadi, als sie 2001 schon einen Menschenrechtspreis erhielt. Diese universale Botschaft wird sie wohl auch in ihrer Nobelpreisrede wiederholen. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.10.2003)

von Amir Loghmany
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    Ebadi lebt in Teheran. Sie wurde im Ausland bereits mehrfach für ihre Tätigkeit ausgezeichnet.
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