Interview: "Mädchen brauchen mehr Herausforderung"

13. Oktober 2009, 12:09
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Mathematik sollte "Kulturfach" sein, wünscht sich TU-Professor Rudolf Taschner - Im Gespräch mit Martina Salomon erzählt er über geschlechtsspezifische Unterschiede

Standard: ExpertInnen kritisieren die Didaktik in Mathematik. Was müsste verbessert werden?

 

Taschner: Ich denke, die Lehrerinnen und Lehrer dürsten danach, Mathematik wie ein Kulturfach unterrichten zu können.

Standard: Herrscht nicht ohnehin hohe Autonomie in der Schulklasse?

Taschner: Ich bin dafür, die Autonomie noch zu verstärken - besonders, wenn die angekündigten Leistungsstandards eingeführt werden. Standards sind prinzipiell gut, aber sie sollen auf keinen Fall zu hoch angesetzt sein. Sonst machen wir nur mehr "teach to test".

Standard: Muss man Mädchen in Mathe anders ansprechen?

Taschner:Das ist altersspezifisch. In der kritischen Zeit, also von der dritten bis zur sechsten (AHS-)Klasse, wo das Unterrichten sehr, sehr schwer ist, sind die Mädchen immer weiter vorn.

Standard: Das heißt, man müsste sich eigentlich noch mehr um die Buben kümmern?

Taschner: Die Mädchen brauchen mehr Herausforderung und die Buben mehr Pflege.

Standard: Ist die Koedukation gescheitert?

Taschner: Phasenweise Trennung wäre überlegenswert. Aber für das soziale Lernen gibt es wohl nichts Besseres als Koedukation. Was Not tut: Die Schule muss sich der Individualität der einzelnen Schüler annehmen.

Standard: Warum haben Sie im math.space das Thema Frauen und Mathematik gewählt?

Taschner:Gerade Frauen soll bewusst werden, dass mit Mathematik eine Topkarriere in der Wirtschaft möglich ist.

Standard:Eine OECD-Studie hat ergeben, dass heimische Schüler oft die leichtesten Rechnungen nicht lösen können, obwohl sie beispielsweise jahrelang mit Vektorrechnung traktiert werden.

Taschner: Mathematik sollte verstärkt als Kulturfach unterrichtet werden. Also: mathematische Erkenntnisse, eingebettet in historische Ereignisse. Das heißt: Man erfährt, wie Johannes Kepler gerechnet hat. Damit hat er das Planetensystem entdeckt, was auch den Eintritt in die Neuzeit bedeutete. Das ist viel spannender als die fünfzigste Ellipse an Tangenten zu legen.

Standard:Verliert man in der Schule den Spaß an Mathe?

Taschner: Kann sein, dass die Freude durch "viel rechnen müssen" verdorben wird. Es soll schon gerechnet werden, aber die Rechnungen sollten pfiffig sein.

Standard: Es bräuchte also eine Mathematik-Offensive?

Taschner: Ja, eine geschickte. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 10./11.10.2003)

Zur Person:

Rudolf Taschner ist Mathematikprofessor an der TU Wien und unterrichtet pro Jahr jeweils eine AHS-Klasse, um seinen Praxisbezug zu behalten. Er ist Erfinder und Leiter des math.space im Museumsquartier

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