Schach mit Tito

19. Oktober 2003, 11:13
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Auf einem Foto aus dem Jahr 1959 sieht man Josip Broz Tito in seiner Sommerresidenz auf Brioni beim Schachspiel mit einem behäbigen älteren Herrn.

Vom Werk des jugoslawischen Machthabers ist, wie man weiß, recht wenig übrig geblieben. Mit jenem seines Schachpartners liegt der Fall anders: Es umfasst 36 Bände und zählt zum festen Bestand nicht nur der kroatischen, sondern auch der europäischen Literatur.

Bei dem Herrn, der sich mit Tito dem Brettspiel hingab, handelt es sich um Miroslav Krleza (1893-1981), der nicht nur zu den persönlichen Freunden des mächtigen Marschalls zählte, sondern vor allem als Autor nicht nur innerhalb des damaligen Jugoslawien höchstes Ansehen genoss.

So kam es, dass das Schauspielhaus der gegenwärtigen Kulturhauptstadt immerhin schon im Jahr 1965 als erste deutschsprachige Bühne - und noch ganz ohne Balkanbüro - eines von Krlezas wichtigsten Stücken, Die Glembays, anlässlich der "Grazer Sommerspiele" zur deutschsprachigen Erstaufführung brachte und vier Jahre später zum steirischen herbst mit Galizien ein weiteres Werk nachreichte.

Vor allem durch die international sehr beachtete Aufführung der Glembays wurde im deutschsprachigen Raum das Interesse für diesen mehrfach für den Nobelpreis vorgeschlagenen Autor immerhin so weit geweckt, dass er im Jahr 1968 zumindest mit dem Gottfried-Herder-Preis ausgezeichnet wurde.

Zur Aufführung der Glembays war der in jeder Hinsicht gewichtige Autor mit dem Gesicht eines grantigen Clowns persönlich nach Graz gekommen, wo er im bedauerlicherweise auch nicht mehr existierenden Hotel Steirerhof mit seiner Gemahlin Hof hielt.

Seiner Façon nach ganz österreichischer Großbürger - immerhin hatte er im Ersten Weltkrieg noch in der k. u. k. Armee gedient - ließ er die Serie der ihm zu Ehren gegebenen Empfänge und Festessen unter Einnahme erheblicher Mengen französischen Cognacs und in fließendem Deutsch konversierend huldvoll über sich ergehen.

Was an der Konversation mit ihm auffiel, war seine ausgeprägte Unlust, über seine Werke zu sprechen. Sogar dann, wenn die Rede auf seine zur Erstaufführung anstehenden Glembays kam, wusste er mit Geschick abzulenken.

Den Grund dafür verriet Frau Krleza hinter dem breiten Rücken ihres Mannes: Die Aufführungen seiner Werke versetzten diesen so souverän wirkenden Mann insgeheim in panische Angst. Und dies in einem solchen Ausmaß, dass er es noch nie gewagt hatte, der Premiere eines seiner Stücke beizuwohnen.

Auch in Graz zeigte sich der scheue kommunistische Großbürger erst nach der Vorstellung und vielleicht hatte er in der Zwischenzeit mit seinem Freund auf Brioni oder in Belgrad telefoniert. (DER STANDARD; Printausgabe, 11./12.10.2003)

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