Produktiver Sound der Kontinuität

12. Oktober 2003, 20:07
posten

Christian und Wolfgang Muthspiel zelebrieren am Sonntag im Konzerthaus ihr 20-jähriges Duo-Jubiläum

Christian und Wolfgang Muthspiel erweisen am Sonntag im Konzerthaus mit dem neuen "EARly Music"-Programm auch ihrem verstorbenen Vater eine tönende Reverenz.

Wien - Ihrer ersten LP wollten sie sich mittels eines fingierten Unfalls entledigen. So unglücklich waren Christian und Wolfgang Muthspiel über aufnahmetechnische Unzulänglichkeiten ihres Debüts "Schneetanz", dass sie erwogen, das frisch gepresste Vinyl auf der Rückfahrt aus Wien am Wechsel in einen Graben zu schmeißen.

Ausdruck des Ehrgeizes, mit dem die beiden Twens damals, in ihrer Anfangszeit, an der Musik feilten: "Wir haben allein für den ersten Auftritt fast ein halbes Jahr geprobt. Bei uns herrschte absolute Besessenheit, die fast schon ungesund war. Wir haben uns gegenseitig oft kritisiert, wie es in keinem Verhältnis zum Gespielten gestanden hat", erinnert sich Wolfgang Muthspiel, der Gitarrist.

Und Christian, der Posaunist und Pianist, ergänzt: "In Wolfgang und mir haben anfangs Amerika und Europa gegeneinander gekämpft - Bebop-Tradition gegen klangforscherische Avantgarde. Da gab es kein Kokettieren. Die Musik war alles für uns." Vernimmt man jene Kommentare des aus Judenburg stammenden Brüderpaars, könnte man sich beinahe wundern, dass dieses heute die nach Wolfgang Puschnig/Uli Scherer wohl langlebigste, auf jeden Fall aber kontinuierlichste Duo-Achse der österreichischen Improvisationsszene darstellt. Und man im Geiste entspannter Kollegialität das 20-jährige Jubiläum feiern kann.

Ein Phänomen, das sich wohl auch aus dem Umstand erklärt, dass Wolfgang und Christian sich mittlerweile völlig unabhängig voneinander in der Musikszene etablieren konnten: Ersterer, 1986 in die USA übersiedelt, als internationaler Shootingstar, der nach zwei Jahren in der Band von Gary Burton eine erfolgreiche Solokarriere startete.

Die Emanzipation

Zweiterer, indem er seinen Tätigkeitsschwerpunkt - etwa in Gestalt des Violinkonzerts Our Motley Mothertongue für Benjamin Schmid oder des spektakulären Stodt aus Staa-Projekts für Ostbahn-Kurti und das Wiener Klangforum - sukzessive in Richtung Komposition verlagerte.

Karrierewege, die zweifellos auch eine letztlich erfolgreiche Emanzipation von den Wurzeln des steirischen Elternhauses, in dem Volksmusik und Klassik hochgehalten wurden, bedeuteten. Und durch die im Laufe der Jahre immer klarer vor Augen geführt wurde, was Vater Kurt Muthspiel, passionierter Chordirigent und Volksliedkomponist, seinen Söhnen über alle stilistischen Divergenzen hinweg mit auf den Weg gegeben hatte.

Christian: "In den härtesten Diskussionen wussten wir immer, dass es eine stille Übereinkunft, eine unausgesprochene Zustimmung zu unserer Musik gab. Später hat sich unser Vater selbst fast heimlich Jazzplatten gekauft und erstaunlich detaillierte Kommentare dazu abgegeben. Er war ein charismatischer Kommunikator, der die Fähigkeit hatte, Menschen zu fokussieren. Die damit verbundene Passion für die Musik war etwas, das wir jeden Tag mitbekommen haben. Es hat in unserer Kindheit Musik sicher nie als Background gegeben. Musik war das zentrale Thema - oder sie war nicht."

Grund genug, um Kurt Muthspiel, der im Frühjahr 2001 völlig unerwartet verstarb, im Jubiläumsprogramm EARly Music (Material/Edel) Reverenz zu erweisen. Originale Chormusik-Samples aus den 60er-Jahren werden - man wird es bei der Jeunesse-Veranstaltung hören - mit neuen Kompositionen und Improvisationen zu assoziationsträchtigen, sehr persönlichen Soundscapes collagiert, in die sich jedermann mit eigenen Erinnerungen und Gedanken einklinken kann.

Wolfgang und Christian Muthspiel präsentieren Musik, die nicht nur ihnen, sondern vielleicht einer ganzen Generation von Österreichern mit gebrochenem Zugang zur volksmusikalischen Tradition aus der Seele spricht. (DER STANDARD; Printausgabe, 11./12.10.2003)

von Andreas Felber
Ticket-Info: (01) 505 63 56
Share if you care.