Psychiater fürchten "Parallelwelt"

12. Oktober 2003, 21:06
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Protest gegen die geplante Errichtung von bundesweit drei psychosomatischen Großkliniken - Resolution gegen geplante "Bettenburgen"

Wien - Die Namen unter dem Resolutionstext sind in der Fachwelt prominent: 136 österreichische Psychiaterinnen und Psychiater, Neurologen - aber etwa auch einzelne Internisten - haben sich dem Protest gegen die geplante Errichtung von bundesweit drei psychosomatischen Großkliniken angeschlossen.

Private Parallelwelt zur Psychiatrie

"Hier soll eine private Parallelwelt zur Psychiatrie entstehen - und zwar mit massiver Unterstützung durch die öffentliche Hand", empört sich Wolfgang Fleischhacker, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. Tatsächlich hat der Hauptverband im Mai 2003 beschlossen, die laufenden Kosten für die ersten drei Klinikbetriebsjahre zu tragen: im niederösterreichischen Eggenburg, im Kärntner Millstatt und im steirischen Bad Aussee.

Angesichts der Deckelung der Gesundheitsbudgets werde dieses Geld - die Kritiker rechnen mit insgesamt 50 Millionen Euro - bei der derzeit laufenden Umsetzung der Landespsychiatriepläne fehlen, fürchtet Fleischhacker. Zudem stehe das Psychosomatikkonzept in Widerspruch zu der seit den 80er-Jahren betriebenen Psychiatriereform. Diese versuche "die Versorgung zu dezentralisieren, die Erkrankten zu entstigmatisieren - und hier werden erneut Bettenburgen geplant."

Die Schaffung psychosomatischer Großkliniken sei "von FP-Minister Herbert Haupt in die Wege geleitet und von VP-Ministerin Maria Rauch konkretisiert worden", erläutert indes Michael Liedler von der Managementberatungsfirma Focus MC. Diese sucht seit kurzem den Kontakt mit den kritischen Psychiatern: Um "eine Lobby für einen Privatklinikbetreiber aus dem deutschen Schwarzwald zu bilden", wie ein anonym bleibender Insider meint. (bri, DER STANDARD Printausgabe 11/12.10.2003)

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