"So was habe ich wirklich noch nicht erlebt"

18. Oktober 2003, 10:07
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Das Medienereignis Schwarzenegger aus der Sicht eines CNN-Reporters - Ein Kommentar der anderen

Nach einem Blick in die internationalen Zeitungen bei der Ankunft in Los Angeles war sofort klar: Die Journalisten amüsierten sich blendend. Das war einfach eine Traum-Story: Ein muskelbepackter Film-Star bewirbt sich für das wichtigste Gouverneursamt der Vereinigten Staaten. Besser kann es gar nicht kommen.

Nur zur Klarstellung: Mir sind die amerikanischen Verhältnisse keineswegs fremd: Ich habe während meines Studiums an der Vanderbilt University die Wiederwahl von Präsident Reagan erlebt und sowohl von der ersten Bush-Kampagne als auch von allen nachfolgenden Wahlgängen berichtet. Aber so was habe ich noch nie gesehen.

Dass ein Ereignis ohne jegliche globale Relevanz ein derartig gewaltiges Medieninteresse hervorrufen konnte, schien völlig unbegreiflich: Bei Präsidentenwahlen, ok., aber bei einer Regionalwahl? Und alles, nur weil der Spitzenkandidat ein Filmstar ist. Sie können mir glauben: Nur weil Kaliforniens Wirtschaft in der internationalen Rangordnung Platz fünf einnimmt und die Weltzentrale der Filmindustrie ist, hätte niemand von uns einen Tag länger in diesem Land zugebracht als unbedingt notwendig.

Rettende "LA Times"

Für die lokalen Nachrichten-Firmen war das Ereignis eine besondere Herausforderung: Die selben Reporter, die sonst im täglichen Wettbewerb "Je blutrünstiger, desto besser" agieren und die es gewohnt sind, dass Politik im Lokal-TV irgendwo zwischen Wettebericht und Witz des Tages unterkommt, mussten sich plötzlich mit der trickreichen Kunst des politischen Berichts auseinander setzen; Präsentatoren mussten ihre Würde aufpolieren, Reporter den Umgang mit politischen Manifesten lernen.

Um die Wahrheit zu sagen: Dass die lokale Presse das alles mit Anstand über die Bühne brachte, geschah mehr trotz als wegen der ganzen politischen Vorwahl-Querelen.

Dann aber hat uns die Los Angeles Times "gerettet": Nicht eine, zwei, nein gleich 15 Frauen soll Arnold angeblich begrapscht haben, berichtete das Blatt. Und plötzlich war wieder jeder in seinem Element: Das hatten alle Reporter sofort die Hand drauf, wenn Sie mir diese Formulierung gestatten. Ihr Pech war nur: Arnie entschuldigte sich, womit der Saft aus der Geschichte gleich wieder draußen war: Wie soll man eine Story weiterziehen, wenn die Hauptfigur nicht mitspielt?

Was die Wahlnacht selbst betrifft: Bei Großereignissen gibt's natürlich immer eine imposante Kamera-Kulisse, aber nochmals: Die Schwarzenegger-Rally stellte alles Bisherige in den Schatten. Die Reporter standen so dicht, dass einige Gäste sogar den Saal verlassen mussten.

Jede Nation war vertreten. Und warum? Weil wir wussten, dass wird einen Höhepunkt des amerikanischen Polittheaters erleben würden - und keine Nation ist in diesem Genre besser als Amerika. In Großbritannien zum Beispiel werden penibel alle Resultate für jeden Sitz heruntergebetet, und die Zuschauer bis spät in die Nacht mit irgendwelchen Statements der Gewinner und Verlierer gequält. In Amerika gibt's Musikkapellen, Ballons, Konfetti und perfekt inszenierte Reden. Die internationalen Korrespondenten, gewohnt an langweilige Kampagnen, langweilige Reden und langweilige Resultate, haben es förmlich genossen. Mich eingeschlossen.

Während ich das schreibe, läuft übrigens auf CNN gerade eine Debatte mit den neun demokratischen Präsidentschaftskandidaten für die Wahlen 2004. Ich garantiere Ihnen, dass das dem Großteil der Welt völlig egal ist. Und dass auch kaum ein Wort davon morgen in den Medien berichtet werden wird (von dem einen oder anderen Wesley Clark-Statement vielleicht abgesehen).

Und wir werden uns auch an kein Wort aus dieser Debatte jemals erinnern - weil keiner der Kandidaten sagte "Hasta la vista, baby ..." (DER STANDARD; Printausgabe, 11./12.03)

Von Richard Quest

Der Londoner Reporter Quest berichtete für CNN - mit sichtlicher Begeisterung - vom Wahlabend in Los Angeles.

Politik-Spezial

Gouverneur Schwarzenegger

  • Ein Brite in Los Angeles: Reporter Richard Quest war vom kalifornischen Polittheater "einfach hingerissen".
    foto: cnn

    Ein Brite in Los Angeles: Reporter Richard Quest war vom kalifornischen Polittheater "einfach hingerissen".

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