"Sozialrelevant offenbar nicht mehr gefragt"

24. Oktober 2003, 18:31
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Boltzmanninstitute fürchten die Schließung

Wien - "Uns wird es nicht mehr geben." Mit "uns" meint Soziologin Edit Schlaffer die von ihr und ihrer Koautorin Cheryl Benard geleitete Boltzmann-Forschungsstelle für Politik und Zwischenmenschliche Beziehungen in Wien. "Mit Ende 2004" werde das Ins^titut, das vor 22 Jahren von Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg (SP) gegründet und durch Studien zum Geschlechterverhältnis berühmt wurde, nicht mehr existieren - wenn das Reformkonzept, das das neue Präsidium der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft (LBG) durchziehen will, realisiert wird, sagt Schlaffer im Standard-Gespräch.

Der von der LBG-Leitung verordnete Relaunch ist radikal: Bis Dezember 2005 sollen alle bestehenden Institute einen Antrag auf Neugründung stellen. Andernfalls würden sie mit diesem Stichtag auslaufen. Ziel ist die Reduzierung der 135 Institute zugunsten größerer Einheiten, erklärt LBG-Geschäftsführerin Claudia Lingner. Die Umstrukturierung begleitet ein rigoroser Sparkurs. Auf die Kritik reagierte Lingner am Freitag verwundert: "Dass Ängste da sind, verstehe ich. Es gab aber mit allen Leitern lange Gespräche." Wo Engpässe auftreten, werde man versuchen, eine gute Lösung für alle Seiten zu finden, versprach sie, denn: "Wir wollen keine funktionierenden Einheiten zerstören."

Appell an Stadt Wien

Die Wiener Grünen appellieren indes schon an die Gemeinde, die die LBG mitfinanziert, sich gegen die mögliche Schließung von Instituten stark zu machen, denn der eingeschlagene Weg sei fatal, so Wissenschaftssprecherin Claudia Sommer-Smolik.

Die geplanten "Megainstitute" würden kleine, flexible Institute, vor allem "jene, die mit Geisteskultur und Sozialwissenschaften zu tun haben", ruinieren, findet Soziologin Schlaffer: "Das hat schon etwas zu bedeuten, dass das jetzt passiert. Sozialrelevanz von Forschung ist offenbar nicht mehr gefragt."

Der Wiener Historiker und Leiter des Instituts für historische Sozialwissenschaft, Gerhard Botz, ist ebenso besorgt "über das zu erwartende Aus". Derzeit arbeiten zwei Akademiker halbtags für das Forschungsinstitut - aufgrund der Budgetsituation ist einer bereits gekündigt. "Wenn man das Budget derart kürzt, ist es einfach nur eine Frage der Zeit, bis wir zusperren müssen", sagt Botz zum Standard. Ob er einen Antrag auf Neugründung stellen wird, ist noch offen.

Empörung auch beim Leiter des Boltzmann-Instituts für Lateinamerikaforschung, Leo Gabriel: "Für die Kultur- und Sozialwissenschaften sind die Pläne der komplette Hammer und Wahnsinn. Wir wissen nicht, wie wir weitermachen sollen." Mit dem Amtsantritt der VP-FP-Regierung sei das Budget für sein Institut "sofort um 60 Prozent gekürzt worden". Im Gegenzug würden durch die geplante Reform "Institute, die Kapital bringen und mit der Industrie in Verbindung stehen, bevorzugt".

Seine Forschungsprojekte mit Kooperationen in zwölf europäischen Ländern seien daher bis jetzt vor allem durch "EU-Gelder finanziert worden, bei denen Wert auf gesamteuropäische Vernetzung gelegt wurde. Und die werden keine Lust haben, die Gigantomanie der Großinstitute zu fördern", fürchtet Gabriel. (Peter Mayr, Lisa Nimmervoll/DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.10.2003)

  • Der Leiter des Instituts für historische Sozialwissenschaft, Gerhard Botz, erwartet das baldige Aus.
    foto: standard/matthias cremer

    Der Leiter des Instituts für historische Sozialwissenschaft, Gerhard Botz, erwartet das baldige Aus.

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