Die Schuldfähigkeit des Snipers

12. Oktober 2003, 21:06
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Anwälte wollen 18-jährigen John Lee Malvo unzurechnungsfähig erklären lassen - Beeinflussung des Stiefvaters wurde im Prozess nicht bedacht

Fairfax/Virginia - Unter dem Vorwurf, im Herbst des vorigen Jahres zehn Menschen im Raum Washington aus dem Hinterhalt erschossen zu haben, sind John Allan Muhammad und sein inzwischen 18-jähriger Stiefsohn Lee Boyd Malvo angeklagt. Der Prozess soll in Kürze beginnen. Nun wollen Malvos Anwälte in ihrer Klageerwiderung auf Zurechnungsunfähigkeit ihres Mandanten plädieren. Sie argumentieren, dass der junge Mann "Opfer der Indoktrination seines Stiefvaters" gewesen sei.

Spät aufgeblühte Zurechnungsunfähigkeit

Die Staatsanwaltschaft zeigte sich überrascht über die Pläne der Verteidigung. "Das wäre eine spät aufgeblühte Zurechnungsunfähigkeit, wenn es sie überhaupt gibt", zitierte die Washington Post Ankläger Robert Horan.

"Indoktrination erzeugt eine Art Geisteskrankheit", gab dagegen Malvo-Verteidiger Craig Cooley zu Protokoll. "Der Grad der Indoktrination war so hoch, dass wir dies den Geschworenen präsentieren wollen."

Weiters sagte Cooley am Donnerstagabend, der Fall sei so grotesk, dass es nachlässig wäre, die starke psychische Beeinflussung des Stiefvaters im Prozess außer Acht zu lassen. In ihrer Klageerwiderung stützen sich die Anwälte auf Gutachten privat beauftragter Ärzte.

Neue Gutachten

Staatsanwalt Horan, der die Gutachten eines gerichtlich berufenen Gesundheitsexperten eingesehen hatte, sagte dagegen, darin deute nichts auf eine psychische Störung des 18-Jährigen hin. Nach dem Gesetz in Virginia muss sich Malvo nun von einem von der Staatsanwaltschaft berufenen Arzt erneut untersuchen lassen, um auf Zurechnungsunfähigkeit plädieren zu können.

Sollte Malvo wegen Schuldunfähigkeit freigesprochen werden, würde er so lange in einer psychiatrischen Klinik untergebracht, bis aus ärztlicher Sicht keine Gefahr mehr von ihm ausgeht.

Todesstrafe droht

Sollte ihn das Gericht dagegen für schuldig befinden, dann droht ihm, ebenso wie seinem angeklagten Stiefvater, die Todesstrafe.

Da die Verfahren gegen den 42-jährigen Muhammad und Malvo getrennt wurden, waren die beiden vorige Woche bei einer Voranhörung zum ersten Mal seit ihrer Verhaftung wieder zusammengekommen. Malvo weigerte sich, gegen seinen "väterlichen" Freund auszusagen.

Laut Aussagen von Bekannten und Verwandten der beiden Angeklagten während der Vorerhebungen war bei Malvo einerseits Gewaltbereitschaft zu erkennen, andererseits soll er große Angst vor Muhammad gehabt haben. (AP, DER STANDARD Printausgabe 11712.10.2003)

Kurz vor dem Beginn des Prozesses gegen die beiden Heckenschützen von Washington wollen die Anwälte des 18-jährigen Angeklagten John Lee Malvo ihren Mandanten durch ein Gutachten für nicht zurechnungsfähig erklären lassen.
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    John Lee Malvo droht die Todesstrafe - Mit seinem Stiefvater hat der 18-Jährige zehn Menschen aus dem Hinterhalt erschossen

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