Auszeichnung geht an Shirin Ebadi

14. Oktober 2003, 15:19
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Eine iranische Bürgerrechtlerin erhält die weltweit höchste politische Auszeichnung - Reformer jubeln

Mohammed Ali Abtahi fand es eine "sehr gute Nachricht für alle Iraner" und ein Zeichen für die aktive Rolle der Frauen im Land. Doch dies, so präzisierte Irans Vizepräsident, ein enger Vertrauter des reformorientierten Staatschefs Mohammed Khatami, sei nur seine persönliche Ansicht, nicht die der Regierung.

Die Verleihung des Friedensnobelpreises an die 56-jährige Rechtsanwältin und Schriftstellerin Ebadi löste bei iranischen Reformern und Intellektuellen eine Welle der Begeisterung aus, während das staatliche iranische Radio und Fernsehen am Freitag, dem muslimischen Feiertag, erst lange brauchte, um die Nachricht über die Preisverleihung mitzuteilen und dann ärgerlich reagierte. "Obwohl wir vielleicht glücklich sind, dass ein Iraner den Preis erhalten hat, glauben wir, dass der Friedensnobelpreis für politische Zwecke benutzt wird", wurde Amir Mohebian zitiert, ein Leitartikelschreiber der konservativen Tageszeitung Resalat. Europa wolle weiter mit dem Thema Menschenrechte im Iran Druck machen, um "seine bestimmten Ziele" zu erreichen.

Besonderen Unmut in den konservativen Kreisen der iranischen Führung dürfte dabei die Würdigung Ebadis durch den Vorsitzenden des Nobel-Komitees, Ole Danbolt Mjös, ausgelöst haben. "Wir hoffen, dass der Preis Inspiration für alle sein wird, die in ihrem (Ebadis) Land für Menschenrechte und Demokratie kämpfen", meinte der Norweger. Ebadi – selbst bekennende Muslimin – sehe keinen Gegensatz zwischen dem Islam und fundamentalen Menschenrechten, sagte Mjös.

Ebadi, die sich am Freitag in Paris aufhielt, war von der Preisvergabe überrascht, obwohl sie neben Papst Johannes Paul II. und dem früheren tschechischen Staatschef und Dissidenten Václav Havel als eine der Anwärterinnen auf den Friedensnobelpreis galt. "Ich bin sehr glücklich und stolz", sagte sie dem norwegischen Fernsehen. "Es ist sehr gut für mich, sehr gut für die Menschenrechte im Iran, gut für die Demokratie und besonders für die Rechte der Kinder im Iran."

Am Nachmittag gab Shirin Ebadi am Sitz der Internationalen Föderation für Menschenrechte (FIDH) in Paris eine Pressekonferenz. Dort verlangte sie die "baldmöglichste Freilassung aller Gefangenen im Iran, die für die Demokratie kämpfen", erklärte sich aber auch entschieden gegen jede ausländische Intervention. Der mit zehn Millionen schwedischen Kronen (1,1 Mio. Euro) dotierte Preis wird erst am 10. Dezember, dem Todestag von Alfred Nobel, in Oslo verliehen. Ebadi erhielt weltweit Glückwünsche, nur der frühere polnische Staatspräsident und Gewerkschaftsführer Lech Walesa, ein ehemaliger Preisträger, sprach von einem "Irrtum" – der Papst hätte eher den Nobelpreis verdient.

Weniger als fünf Monate vor den Parlamentswahlen im Februar 2004 nimmt indes im Iran der Protest gegen Justizentscheidungen gegen kritische Intellektuelle und Journalisten deutlich zu. So wollen 109 liberale Parlamentarier am 20. Oktober ihre Unzufriedenheit über die iranische Justiz und die Verhaftung von Journalisten mit einem eintägigen Hungerstreik kundtun.

"Politisches Fasten"

Diese Art von Protest, die im Iran als "politisches Fasten" bekannt geworden ist, gilt als neue Variante der Regimekritik. Der Unmut über die Justiz wächst dabei seit dem Tod der iranisch-kanadischen Fotografin Marjam Kasemi und der Ernennung des umstrittenen Juristen Said Mortazawi zum Teheraner Staatsanwalt. Mortazawi war maßgeblich am Verbot von mehr als 80 liberalen Zeitungen und zahlreichen Verhaftungen von Journalisten beteiligt.

Erst am Dienstag wurde der Journalist und Regimekritiker Mohsen Sasgara gegen eine für iranische Verhältnisse hohe Kaution in Höhe von 700.000 Euro aus der Haft entlassen. Er war 114 Tage in Einzelhaft und befand sich insgesamt 79 Tage im Hungerstreik. Der 49-jährige Sasgara musste gleich nach seiner Haftentlassung im Krankenhaus behandelt werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.10.2003)

Die Verleihung des Friedensnobelpreises an die iranische Anwältin Ebadi fällt in eine Zeit neuer Proteste gegen die konservative Justiz. Während die Mullahs schwiegen, waren Irans Reformer begeistert.

Amir Loghmany aus Teheran

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Die offizielle Seite der Nobel-Foundation

Hintergrund

Bisherige Trägerinnen des Friedensnobelpreises

Das Nobelkomitee

Im Wortlaut

Begründung des Nobelkomitees

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    Freude nach dem ersten "Schock": Die 53-jährige iranische Anwältin und Menschenrechtlerin Shirin Ebadi hat den diesjährigen Friedensnobelpreis erhalten

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