Spanischer Eilzug mit wenig Temperament

12. Oktober 2003, 15:33
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AVE sollte ab Samstag mit bis zu 350 Stundenkilometern Fahrgäste zwischen Madrid und Lleida befördern - Pfusch beim Bau verhindert das

Madrid - Seit zwei Tagen rollt er, der AVE (Alta Velocidad Espa nola) von Madrid über Zaragoza nach Lleida. Ab Samstag, soll er erstmals Reisende befördern. "Der Stolz spanischer Ingenieurskunst", sei der Hochgeschwindigkeitszug, sagte der Minister für Öffentliche Arbeiten, Francisco Alvárez Casco.

Beispiel für Pfusch am Bau

Doch derartige Lobpreisungen können nicht darüber hinwegtäuschen: Die 370 Kilometer lange AVE-Verbindung, die zweite nach der bereits 1992 fertig gestellten Strecke von Madrid nach Sevilla, ist eher ein Beispiel für spanischen Pfusch am Bau als eine Glanzleistung der iberischen Ingenieurszunft.

Stück des Gleisbett war weggebrochen

Die Züge sollten bereits im Februar den Betrieb aufnehmen. Doch nach einer Jungfernfahrt mit Presse und Prominenz wurden sie wieder eingemottet. Ein Stück des Gleisbetts einer Parallelstrecke war weggebrochen, und spontane Entladungen hatten eine Oberleitung gekappt.

Signalanlage funktioniert nicht einwandfrei

Außerdem funktioniert bis heute die Signalanlage nicht einwandfrei. Deshalb wird der AVE vorerst mit herkömmlichen Sicherheitssystemen rollen. Das neue, durch Funksignale unterstützte Leitsystem, das bis zu 350 km/h schnelles Fahren erst möglich macht, arbeitet noch immer nicht korrekt. Somit kann der Zug derzeit nur mit einem Durchschnittstempo von 175 km/h über Spaniens Hochebene rollen. Das ist kaum schneller als ein herkömmlicher Zug.

Doch die Signalspezialisten sind nicht die einzigen Säumigen. Beim Bau der Trasse wurden 84 Prozent der Verträge nicht rechtzeitig erfüllt. Der Preis der Strecke stieg dabei um 23,3 Prozent auf mittlerweile 4,5 Milliarden Euro.

Instabiler Boden

Zusätzliches Problem: Nach Ansicht von Geologen fährt der Zug nicht auf stabilem Untergrund. Vor wenigen Tagen erst tat sich nur 650 Meter vom Bahndamm entfernt plötzlich ein Loch von acht Metern Durchmesser und 16 Metern Tiefe auf.

Der Grund: Der Boden ist stark gipshaltig. Wasser spült ihn aus, es entstehen Hohlräume. Sind diese groß genug, bricht die Oberfläche ein. Bereits zu Jahresbeginn war unweit des AVE-Gleises beim Bahndamm des herkömmlichen Zugs ein Stück weggebrochen. Als "Folgen der Bauarbeiten" tat das Ministerium das damals ab.

Wirtschaftlicher Schaden Der wirtschaftliche Schaden durch die Verzögerungen beim Bau der Strecke lässt sich nicht einmal abschätzen. Anders als Madrid-Sevilla, wo einfach funktionierende deutsche und französische Technik aufgekauft wurde, sollte die neue Strecke mit spanischer Technik zum Modell für Europa werden.

Neben dem neuen ICE von Siemens wird auf der neuen Strecke auch ein Hochgeschwindigkeitszug "made in Spain" zum Einsatz kommen. Die eigens zum Bau der AVE-Strecke gegründete GIF (Gestor de Infraestructuras Ferroviarias) verspricht sich von so viel neuer Hochleistungstechnik Aufträge aus dem Ausland. Zumindest war das vor der Pannenserie so. (Reiner Wandler aus Madrid, DER STANDARD Printausgabe 10.10.2003)

Der spanische Hochgeschwindigkeitszug AVE sollte ab Samstag mit bis zu 350 Stundenkilometern Fahrgäste zwischen Madrid und Lleida befördern - technische Probleme und Pfusch beim Bau der Strecke werden das vorerst verhindern.
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    Enormer wirtschaftlicher Schaden durch Pfusch am Bau

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