Grasser und die YLine-Pleite

20. Oktober 2003, 20:18
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eine Kolumne von Hans Rauscher

Wenige Tage nach der Bildung der ersten schwarz-blauen Koalitionsregierung im Februar 2000 erschien im News eine Story, in der die Regierungsmitglieder Auskünfte über ihre Lebenswelt gaben. Zu Finanzminister Grasser hieß es, er investiere hauptsächlich in Aktien, "z. B. in YLine".

Eine Quasiempfehlung des frisch gebackenen Finanzministers. Leider sind die Papiere inzwischen wertlos, die Firma ist Pleite gegangen, und gegen den Gründer und den Aufsichtsratspräsidenten - beide FP-nahe - laufen strafrechtliche Untersuchungen.

Der grüne Abgeordnete Peter Pilz bezichtigt nun Grasser, bei seinem Amtsantritt den Besitz der YLine-Aktien nicht dem Unvereinbarkeitsausschuss des Nationalrats gemeldet zu haben. Der Vorsitzende des Ausschusses, der VP-Abgeordnete Schultes, macht geltend, es müssten nur substanzielle Beteiligungen gemeldet worden (dem widerspricht die SP-Abgeordnete Gabriele Binder, Mitglied des Ausschusses). Grasser selbst sagt dazu, er habe nur ein "Minipaket - nicht der Rede wert - von 0,000015 Prozent an YLine" besessen.

YLine war eine 1998 von Werner Böhm gegründete Firma, die im Zuge der Internetblase im Oktober 1999 an die Wiener Börse ging. Und zwar mit einem Einstiegskurs von 29 Millionen Euro. Im Frühjahr 2000 stand der Kurs bei 283 Euro. Als das Unternehmen 2001 in den Konkurs geriet und von der Börse verschwand, betrug der Kurs stolze 0,88 Euro.

YLine-Aktionäre konnten nun, je nach dem Zeitpunkt des Ein- und Ausstieges und ihres Informationsstandes (oder auch ihrer "Nase") ein kleines Vermögen gemacht oder eines verloren haben. Seit dem Börsengang der YLine hielten sich hartnäckige Gerüchte, eine ganze "Partie" von FP-Politikern, Grasser inklusive, hätten über eine Treuhandlösung massiv YLine-Aktien gekauft und mit großem Gewinn wieder abgestoßen. Nun geht aber die Staatsanwaltschaft davon aus, dass die YLine von Anfang an als Betrugsunternehmen gedacht war, mit "künstlich generierten Umsätzen". Spätestens mit 31. 12. 2000 sei YLine eindeutig überschuldet gewesen. Der Insolvenzantrag wurde aber erst ein dreiviertel Jahr später gestellt, sodass Insolvenzverschleppung zum Schaden der Gläubiger unterstellt wird. Die Staatsanwaltschaft ermittelt denn auch wegen "schwerem gewerbsmäßigem Betrug, Untreue sowie grob fahrlässiger Beeinträchtigung von Gläubiger-Interessen".

Der Grün-Abgeordnete Pilz will von Grasser im Zuge einer parlamentarischen Anfrage wissen, wann und wie viel YLine-Aktien er gekauft bzw. verkauft hat und zu welchem Preis. Um auch nur in die Nähe einer strafrechtlichen Relevanz zu kommen, müsste er aber nachweisen, dass Grasser Insider-Wissen über den Zustand von YLine besaß und das zu seinem Vorteil ausnutzte. Dafür gibt es keine Anhaltspunkte.

Man kann die Sache aber auch als politisches Sittenbild sehen: Eine Partie von smarten FP-Boys steigt bei einem politisch nahestehenden Unternehmer im Vertrauen auf hohe Gewinne ein. Als einer der Aktienspekulanten dann Finanzminister wird, hat er entweder schon mit Gewinn verkauft oder besitzt noch Anteile. Jedenfalls bekommt wenig später eine Tochterfirma von YLine, FirstInEx AG, einen Auftrag des Finanzministeriums zur Neugestaltung des Internetauftrittes für 50.000 Euro.

Noch später, bereits im Jahr 2001, bekommt die FirstInEx weitere 110.000 Euro, nämlich vom Grasser-nahen und von der Industriellenvereinigung gesponserten "Verein zu Förderung der New Economy". (DER STANDARD, Printausgabe, 10.10.2003)

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